Mach lauter - Zehn Jahre Musik in Schlagworten

5. März 2009, 17:20
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Zehn Trends und ihre Setter: Ein Streifzug aus Anlass von zehn Jahren RONDO

1999 Der letzte Rave

Das RONDO startet mit der Besprechung des Albums Beaucoup Fish des britischen Elektronik- und Dancefloor-Projekts Underworld. Ein letztes kräftiges Lebenszeichen einer in der britischen Rave-Szene groß gewordenen und diese neben ihren zünftigeren Kollegen The Prodigy nachhaltig bestimmenden Band. Weitere gute Alben folgten, aber es wollte nicht mehr so richtig krachen.

2000 Anton aus Tirol

Wir sind jetzt ehrlich und geben alles zu: DJ Ötzi und Anton aus Tirol kam im RONDO gar nicht vor. Das Grauen kam 2000 heimlich über die Skihütte zu uns. Allerdings will es seitdem auch nicht mehr weggehen. Ja, es tut weh - und das Skifahren hat sich seither auch sehr zum Schlechten verändert. Das Jahr 2000 gehörte im Rückblick einem Mann mit gefärbtem Klobrillenbart und einer Häkeldecke auf dem Kopf. Thomas Bernhard hat recht: Es ist, wie es ist. Und es ist fürchterlich.

2001 Blues und Punk

Das Jahr gehört jungen Menschen mit Gitarren wie The Strokes und vor allem The White Stripes. Letztere wühlen tief in der Geschichte und bringen den aus dem Blues gespeisten Punkrock in die Hitparaden. Ihr drittes Album White Blood Cells bringt den Durchbruch. Der spätere Hit Seven Nation Army dient heute sogar als Fußball-Mitgrölsong

2002 Cockney

Der arbeitslose Brite Mike Skinner kauft sich einen gestohlenen Laptop und beginnt damit, Dancefloorsongs zwischen HipHop und Garage zu komponieren. Darüber nuschelt er zynische Alltagsbetrachtungen im breitesten Cockney-Slang. Sein Album Original Pirate Material, ein Klassiker.

2003 Helden

"Guten Tag, guten Tag, ich will mein Leben zurück!" Die Berliner Band Wir Sind Helden um Judith Holofernes startet das neue deutsche Bandwunder. Mit Juli und Silbermond ist man bald beim deutschen Schlager angekommen.

2004 Franz

Das Jahr von Franz Ferdinand. Nach Blur und Oasis hat sich der Britpop mit diesen Dieben klassischer zackiger New-Wave-Klänge wieder erholt. Kunststudenten-Pop, wie er kunststudentischer nicht sein könnte. Ihr titelloses Debüt zählt neben Morrisseys Comeback You Are The Quarry 2004 zu den Ereignissen.

2005 MySpace

Die Internetplattform MySpace.com sorgt dafür, dass Bands nicht länger eine Plattenfirma brauchen, um Stars zu werden. Ein weiterer Sargnagel für die Musikindustrie. Heute regiert längst Facebook die Welt, aber die MySpace-Band Arctic Monkeys regiert heute Großbritannien. Von den ebenfalls auf MySpace gehypten Clap Your Hands And Say Yeah, ihres Zeichens Sachwalter der während der letzten zehn Jahre generell wieder stark bemühten und verehrten Talking Heads, hört man allerdings so gut wie gar nichts mehr.

2006 Balkan-Pop

Ausgerechnet von Arizona aus, später in New York fabriziert der blutjunge Multiinstrumentalist Zach Condon auf den Spuren von Filmsoundtracks des serbischen Regisseurs Emir Kusturica wunderbar hybriden und zu Herzen gehenden Balkan-Pop, der bald um das französische und mexikanische Fach erweitert werden wird. Das Debütalbum Gulag Orkestar zeugt mit Hits wie Postcards From Italy von einem Talent zur melodramatischen Ballade, die im Alternative-Segment ihresgleichen sucht. Statt einer Gitarre setzt Zach Condon übrigens eine Ukulele ein. Das wird in den folgenden Jahren zum Minitrend. Ganz groß!.

2007 Dancerock

James Murphy und sein New Yorker LCD Soundsystem definierten auf ihrem zweiten Album Sound Of Silver den Dancerock neu. Die Talking Heads, Joy Division und New Order lassen grüßen Postpunk geht in die Disco und bekommt härteste Beats in den Bauch gerammt. Wunderbar!

2008 Grace

Nach zwei Jahrzehnten im Aus und als bizarre Mitternachtseinlage in Landdiscos kehrt die große Disco- und New-Wave-Diva Grace Jones mit Hurricane triumphal zurück. Mit ihrer Fortführung von unterkühltem Reggae und harschen Dub- und Wave-Sounds hätte dieses Album so auch 1987 produziert werden können. Die seit Anfang 2009 laufende Europatournee beweist aber, dass die Jones vor allem auch stimmlich nichts von ihrer alten Klasse eingebüßt hat. Disco stand auch beim zweiten Album des Jahres groß im Programm. Das New Yorker Dancefloor-Projekt Hercules & Love Affair um DJ und Produzent Andrew Butler sorgte mit Gaststar Antony und dem Hit Blind unter Einbeziehung früher Chicago-House-Rhythmen und -Sounds in fortschrittlichen Clubs für Pop- und Massen-Appeal. Aus dieser Ecke dürfte noch mehr kommen. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, RONDO, 6.3.2009)

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