Der gestrauchelte Postbote

4. März 2009, 19:18
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Trotz seiner Erfolge hat Anton Wais den Konzern nicht für den Wettbewerb gerüstet

Man kann es Anton Wais nicht verübeln, dass er nach zehn Jahren den Ruhestand einer weiteren Schlacht um Filialschließungen und Personalkürzungen vorzieht. Postchef zu sein ist wohl der unmöglichste Job im Land - selbst wenn man nicht den Kanzler (und Parteifreund) als Gegner hat. Das ewige Tauziehen zwischen Politikern, Aktionären, Gewerkschaften, Bürgermeistern und Kunden würde auch gesündere Manager als ihn physisch zerrütten.

Wenn Wais nun von einer Erfolgsbilanz seiner Ära spricht, dann kann er tatsächlich einiges vorweisen. Aus einer Ministerialabteilung ist ein kommerziell agierender Konzern mit soliden Gewinnen entstanden. Und eine Aktie, deren Kurs um 20 Prozent höher liegt als beim Börsengang vor drei Jahren, stellt in diesem Marktumfeld einen echten Renner da.

Aber in seiner wichtigsten Aufgabe - die Post auf einen voll liberalisierten EU-Markt ohne Briefmonopol ab 2011 vorzubereiten - ist Wais gescheitert. Oder zumindest geht er, bevor dieses explosive Schreiben seinen Empfänger tatsächlich erreicht hat.

Die Umwandlung ehemaliger Staatsmonopole in private Mitbewerber ist eine der härtesten Nüsse für jede Wirtschaftspolitik. Anders als im Telekommunikationsmarkt haben neue Technologien das Geschäft der gelben Post nicht erleichtert, sondern - dank der E-Mail-Konkurrenz - nur deutlich geschmälert. Und die Post hat immer noch eine gesellschaftliche Symbolkraft, die sie zu einem unwiderstehlichen Spielball der Tagespolitik macht.

Auf diese Herausforderung haben Regierungen verschiedener Ausrichtungen mit Gradualismus geantwortet: Man hält am Briefmonopol so lange wie möglich fest und lässt die Post ganz langsam Wettbewerb lernen.

Für diese Strategie war Wais der richtige Mann: oft unentschlossen und stets auf Kompromiss bedacht. Dass er dennoch von der Postgewerkschaft als radikaler Turbokapitalist verteufelt wurde, zeigt, wie realitätsfern die militanten Arbeitnehmervertreter im immer noch geschützten Sektor agieren.

Heute ist die Post ein echtes Zwitterwesen: teilprivatisiert, dem Shareholder-Value ebenso verpflichtet wie dem öffentlichen Versorgungsauftrag, halb Behörde mit pragmatisierten Beamten und halb moderner Logistikkonzern, im Ausland aktiv, aber ohne Gewicht und Konzept. Genauso inkohärent ist der Gesetzesrahmen, in dem sie agiert.

Bei solchen Spagatübungen geht oft die Qualität der Dienstleistung verloren, und dies haben Millionen von Postkunden über die Jahre erfahren. Gegenüber dieser kritischen Öffentlichkeit ist es Wais nie gelungen zu erklären, was die "neue Post" besser machen kann, wenn sie schon Briefkästen abmontieren und Ämter schließen muss. Die tristen Postshops mit ihren halbleeren Regalen unterstreichen dieses Bild. Und dass Wais die größten Versandhäuser als Paketkunden an seine wahrlich nicht so tollen Mitbewerber verloren hat, zeigt, dass die Unzufriedenheit mit der Post mehr als ein dumpfes Vorurteil ist.

Selbst die nunmehr beschlossene Schließung von knapp 300 Filialen, die auch das populistische Getöse eines Werner Faymann nicht aufhalten kann, ist kein uneingeschränkter Erfolg. Auch tausend Filialen dürften nach 2011 zu viel sein, und die Frage der unkündbaren Mitarbeiter bleibt ungelöst.

Ein Nachfolger für Wais ist vor allem gefordert, klarere Strategien zu entwickeln, diese kompetenter umzusetzen und schließlich so überzeugend nach außen zu kommunizieren, dass nicht jeder Provinzpolitiker versucht ist, auf die Postspitze verbal einzuprügeln. Dabei geht es letztlich um die Zukunft des Konzerns. Denn bei einer Dienstleistung, die jeder Neueinsteiger erbringen kann, ist ein Ex-Monopolist mit zu viel Personal von vornherein im Nachteil. (DER STANDARD; Print-Ausgabe, 5.3.2008)

 

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