Kraftakt einer Kaste

4. März 2009, 18:44
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Entschieden wird der Konflikt nicht auf der Straße, sondern in der ÖVP, wo die Lehrergewerkschaft viel Einfluss genießt - von Gerald John

Es sind nicht die Fabriksarbeiter, denen das Fließband abgestellt wird, und auch nicht die Lehrlinge, die sich zu Tausenden am Arbeitsamt drängen. Die Lehrer sind es, die in den Tagen der Krise mit Streik drohen. Nicht etwa, weil sie von Entlassung bedroht sind, da sei die ministerielle Arbeitsplatzgarantie vor. Sondern weil sie pro Woche zwei Stunden zusätzlich in der Klasse unterrichten sollen.

Wer soll das verstehen? Bestimmt nicht die breite Masse im konfliktscheuen Österreich, wo die Streikminuten in vielen Jahren bei null liegen. Ein solcher Kraftakt lässt sich nur mit öffentlichem Rückhalt gewinnen. Sind die Eltern sauer, weil ihre Kleinen nicht in die Schule dürfen, wird eine nüchtern kalkulierende Regierung kaum klein beigeben. Weil praktisch jeder einmal auf der Schulbank gelitten hat, lässt sich - so unfair das pauschale Bashing auch ist - gegen Lehrer leicht Stimmung machen. Der eine oder andere Hinweis auf die mehr als drei Monate Ferien der streiklustigen Kaste sollte reichen, um das Meinungsmatch zu gewinnen.

Entschieden wird der Konflikt allerdings nicht auf der Straße, sondern in der ÖVP, wo die Lehrergewerkschaft viel Einfluss genießt. Als Finanzminister sollte Josef Pröll die Budgetnot des Bildungsministeriums kennen, als Vizekanzler die Notwendigkeit von Reformen an den Schulen. Als Parteichef hat er versprochen, den Griff der Bünde und Lobbys auf die ÖVP zu lockern. Pröll kann nun beweisen, dass er es ernst meint - oder die politische Vernunft den überzogenen Protesten einer Stammklientel opfern. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2009)

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