Darwin und die Österreicher

4. März 2009, 18:32
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Neue Studie zeigt heimisches Harmoniedenken in Sachen Evolution und Schöpfung

Wien/Rom - Nein, in Österreich war Charles Darwin nie. Aber immerhin wurde er am 11. Mai 1871 als korrespondierendes Mitglied in die damals noch sehr junge Österreichische Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Vier Jahre später ernannte man den britischen Naturforscher sogar zum Ehrenmitglied.

Aus Anlass des heurigen Doppeljubiläums Darwins richtet die ÖAW dieser Tage ein internationales Symposion unter dem schickten Titel "Evolution" aus. Zum Auftakt der Konferenz wurden gestern am Vormittag die Ergebnisse einer Studie präsentiert, die nach den Einstellungen der Österreicher zur Evolution fragte. Auftraggeber waren das Wissenschaftsministerium und die ÖAW.

Fehlende Vergleiche

Die Ergebnisse lassen, so viel vorweg, auch angesichts der nicht immer ganz klaren Fragestellungen mehrere Lesarten zu und sind insofern nicht allzu aussagekräftig, als ihnen internationale Vergleiche fehlen.

Solche gab es das letzte Mal im Ausgust 2006, als im US-amerikanischen Wissenschaftsmagazin "Science" die Studie "Public Acceptance of Evolution" vorgestellt wurde. Die Autoren hatten dafür in insgesamt 32 europäischen Ländern, in Japan und den USA die Einstellungen zur Evolution erhoben (vgl. "Science", Bd. 313, S. 765).

Österreich klassierte sich dabei mit 55 Prozent Zustimmung unter "ferner liefen" auf Platz 25, weit hinter dem westeuropäischen Durchschnitt (69 Prozent Zustimmung), aber auch noch hinter der "Evolutionsgläubigkeit" der Osteuropäer (60 Prozent). Viel Aufhebens wurde hierzulande darum nicht gemacht, während in Finnland (mit 65 Prozent Zustimmung) eine kleinere mediale Hysterie losbrach .

Die neue exklusiv österreichische Befragung wurde im Dezember 2008 an 1500 Österreichern zwischen 15 und 65 Jahren durchgeführt und kam zu einem etwas anderem Ergebnis: Dem Prinzip der darwinschen Evolution - dem Zusammenspiel von Variation und Selektion - stimmten nun immerhin 68 Prozent zu.

80 Prozent der Österreicher sind außerdem überzeugt, dass der Mensch und Affen einen gemeinsamen Vorfahren haben. Und die Frage, ob man für die Entstehung des Lebens die Einwirkung einer überirdischen Existenz annehmen müsse, beantworteten 60 Prozent negativ und nur 19 Prozent positiv.

Im Hinblick darauf, was den Kindern in der Schule über die Entstehung der Welt vermittelt werden sollte, sprach sich freilich die Mehrheit (62 Prozent) für jene Antwortalternative aus, bei der sich die naturwissenschaftliche Theorie und eine religiöse Deutung ergänzen. 50 Prozent waren für die rein naturwissenschaftliche Variante.

Für ÖAW-Präsident Peter Schuster lassen diese Ergebnisse "ein nicht unerhebliches Bedürfnis nach Integration des Schöpfungsgedankens in das Evolutionsprinzip erkennen."

Schuster und der ÖAW kann man 160 Jahre nach ihrer Gründung den Vorwurf nicht ersparen, genau diesem eigenwilligem Kuschelbedürfnis Vorschub zu leisten. Während nämlich bei der zeitgleich stattfindenden Vatikan-Tagung "Biological Evolution - Facts and Theories" Vertreter des Intelligent Design explizit ausgeladen wurde, bot die ÖAW im Rahmen ihres Symposions am Dienstag Abend Kardinal Schönborn die Aula der Wissenschaften als Bühne, um dort "Schöpfung und Evolution" als "zwei Paradigmen" gleichrangig nebeneinanderzustellen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 3. 2009)

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    Stehen Evolutions- und Schöpfungslehre in Harmonie zueinander? Viele Österreicher scheinen sich danach zu sehen.

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