"Eine unglaubliche Freude"

4. März 2009, 17:52
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1989 - und was davon blieb. Gedenkveranstaltung in der ungarischen Botschaft

Wien - Weltgeschichte verdichtet sich manchmal auf kleinste Räume und kürzeste Zeitspannen. Scheinbar. "Es war genau der ungarische Dominostein, der das Ganze zu Fall gebracht hat", sagte Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel am Dienstagabend in der ungarischen Botschaft in Wien bei einer Gedenkveranstaltung zum 20. Jahrestag des Verschwindens des Eisernen Vorhangs.

Gemeint war der Abbau der ungarischen Grenzanlagen gegen den Westen, also Österreich, hin. Der wurde zwar durch das weltweit verbreitete Bild der Stacheldraht durchzwickenden Außenminister Gyula Horn und Alois Mock symbolisiert, war zu diesem Zeitpunkt aber längst vollzogen. Und hatte in Wahrheit schon zwei Jahre davor begonnen, wie der damalige Kommandant der ungarischen Grenztruppen, János Székely, bestätigte. Er hatte ihn selbst initiiert, um die Lebensbedingungen in der Grenzregion zu verbessern. Nur: "Ans Ende des Kommunismus habe ich damals nicht gedacht."

Das tat auch der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow nicht. Und doch: "Es wäre mit Sicherheit schmerzlicher und vielleicht auch blutiger geworden, wäre damals nicht Gorbatschow im Kreml gesessen." (Schüssel)

Franz Vranitzky, der 1989 österreichischer Bundeskanzler war, wehrte sich gegen den immer wieder erhobenen Vorwurf, er habe als einer der letzten westlichen Regierungschefs die schon stürzenden kommunistischen Staatsrepräsentanten besucht und damit deren Ablaufdatum quasi hinausgeschoben. Vor seinem Treffen mit DDR-Regierungschef Hans Modrow habe er den deutschen Kanzler Helmut Kohl telefonisch gefragt, wie er dazu stehe. Kohls Antwort, so Vranitzky: Besser heute als morgen, denn damit würden die Reformkräfte gestärkt.

Heute drohe das Gefühl für die historische Bedeutung der Wende von 1989 verlorenzugehen, meinte Vranitzky. Die Skepsis gegenüber dem europäischen Projekt werde unter dem Vorwand einer unzulässigen Fremdbestimmung vorgetragen. Dagegen müsse man immer wieder neu ankämpfen.

Schüssel erinnerte an den Jubel über die wiedergewonnene Freiheit. "Es war eine unglaubliche Freude. Zumindest ein bisserl was davon müssen wir herüberretten in die heutige Zeit."  (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2009)

 

  • Erinnerung ans Wendejahr: Franz Vranitzky, Wolfgang Schüssel, Moderator
Paul Lendvai, der Budapester Außenpolitik-Experte László Kiss und János
Székely, Ex-Kommandant der Grenztruppen (v.re).
    foto: fischer

    Erinnerung ans Wendejahr: Franz Vranitzky, Wolfgang Schüssel, Moderator Paul Lendvai, der Budapester Außenpolitik-Experte László Kiss und János Székely, Ex-Kommandant der Grenztruppen (v.re).

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