Nachsitzen für das Ministerbüro

4. März 2009, 17:49
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Was die Bildungsministerin tun könnte, um die akute Befindlichkeit der Lehrerschaft aus dem Keller zu holen - von Karl Heinz Gruber

Und wie ihre beratenden Ministerialbeamten ihr dabei zur Hand gehen könnten.

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In den Konferenzzimmern der österreichischen Schulen herrscht seit der Ankündigung von Bildungsministerin Claudia Schmied, dass alle Lehrer wöchentlich zwei Stunden mehr Unterricht halten sollen, eine Stimmung wie in einer Schulklasse, die zu zwei Stunden "Karzer" (AHS), "Nachsitzen" (Neue Mittelschule) bzw. "Dableiben" (Hauptschule) verdonnert worden ist, und zwar nicht als einmalige Kollektivstrafe für zu wenig Leistungsbereitschaft, sondern bis zur Pension.

Was könnte Bildungsministerin Schmied tun, um die Befindlichkeit der Lehrerschaft aus dem Keller heraufzuholen? Wie wäre es mit einer symbolträchtigen ministeriellen "Parallel-Aktion" , die der Lehrerschaft das Gefühl gibt, nicht allein das Budget retten zu müssen. Wie wäre es etwa mit der Ankündigung, dass ab sofort auch das Ministerbüro zwei Stunden mehr arbeitet? Man könnte den Ministerialbeamten denselben Trost bieten wie den Lehrern, dass sie eigentlich nicht mehr arbeiten, sondern bloß ihr bisheriges Arbeitsprogramm "umschichten" müssen. In den dadurch gewonnenen zwei Stunden könnten die Berater der Ministerin das tun, was sie eigentlich längst hätten tun sollen und was ihrer Chefin eine Menge Ärger erspart hätte: Sich kundig zu machen, wie man anderswo mit dem Problem Lehrerarbeitszeit umgeht. Ministerin Schmied hat mehrfach erklärt, dass sie, wie es die OECD empfiehlt, Bildungspolitik nicht auf der Basis von ideologischen Behauptungen und Postulaten, sondern "evidence-based" , also faktengestützt, betreiben möchte.

Hätte der Stab im Ministerbüro (oder wer immer im Bildungsministerium für strategisches Denken zuständig ist) ein bisschen herumgegoogelt, wäre er zum Beispiel auf die englische "Teacher Workload Study" gestoßen. Das englische Bildungsministerium beauftragte die Beratungsfirma Pricewaterhouse-Cooper, eine Bestandsaufnahme der beruflichen Belastung von Lehrern und Schulleitern durchzuführen, und zwar nicht auf Basis von Lehrer-Selbsteinschätzungen, sondern beruhend auf gründlichen Analysen und Fallstudien aller Typen von Schulen.

Die Glaubwürdigkeit und generelle Akzeptanz dieser Studie resultierte nicht zuletzt aus der Zusammensetzung des Projektteams: Neben Arbeitswissenschaftlern waren Ministerialbeamte, Gemeindevertreter, Repräsentanten der Privatwirtschaft und selbstverständlich auch Lehrergewerkschafter eingebunden. Die englische Expertengruppe hatte für den Bericht neun Monate Zeit.

Hätte das Ministerbüro weitergegoogelt, wäre es auf deutschen Webseiten auf das sogenannte "Bandbreiten-Problem" gestoßen. In seriösen deutschen Studien sind gewaltige Unterschiede in der zeitlichen Belastung innerhalb der Lehrerschaft derselben Schultypen zu Tage getreten, die zum Teil auf die Anforderungen des Fachs zurückzuführen sind, zum Teil jedoch darauf, wie ernst einzelne Lehrer ihre Berufserfüllung nehmen. In Deutschland wie in Österreich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich in der Lehrerschaft hinter eine nicht genau abzuschätzenden Zahl von engagierten Selbstausbeutern eine unbestimmte Dunkelziffer von "Minimalisten" verbirgt.

Und hätten die Berater der Ministerin schließlich in die EU-Bildungsdatenbank Eurydice geschaut, hätten sie festgestellt, dass die zentralistische Totalregelung von Schulalltag ein Auslaufmodell ist. In einer wachsenden Zahl von Ländern wird die Arbeitszeitregelung der Lehrer an die Schulleitungen delegiert, die, wie Schweden besonders eindrucksvoll belegt, mit knappen Ressourcen und komplexen Fragen wie Fairness und Effizienz viel besser umgehen können als Ministerialbeamte und Gewerkschaftsfunktionäre. Es ist höchste Zeit für eine grundlegende Revision der österreichischen "Schulzeit" , bei der die Frage nach der systemweiten Einführung von Ganztagsschulen nicht ausgespart werden darf.

Als die spätere Premierministerin Margaret Thatcher Anfang der 1970er Jahre ihr Amt als englische Bildungsministerin antrat, fragte sie nach der Unterrichtsverpflichtung der Lehrer und erfuhr zu ihrer Überraschung, dass es eine solche nicht gab. Wie Schulen da funktionieren konnten? Sie wurde darüber aufgeklärt, dass englische Lehrer ihre Arbeit als Fulltimejob von Montag Früh bis Freitag nachmittags verstanden, und dass Schulleiter und Lehrerkollegien auch ohne ministerielle Regelungen Schule halten konnten. Das genügte der "Eisernen Lady" nicht. Sie setzte einen Prozess der ministeriellen Interventionen in Gange, der die kreativste Schulkultur Europas nachhaltig beschädigte. Eine stundenmäßig definierte Unterrichtspflicht gibt es in England allerdings noch immer nicht. (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2009)

Zur Person: Der Autor lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an den Universitäten Wien und Klagenfurt.

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