"Siebzig Prozent fühlen sich überfordert"

4. März 2009, 17:33
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Wenn für Lehrer das Klassenzimmer zum Horror wird, bietet ein Institut Hilfe an

Wien - Pädagogen, die hilflos-weinend aus dem Klassenzimmer laufen; Pauker, die einen restriktiv-aggressiven Unterrichtsstil pflegen; Lehrer, die unmotiviert-monoton den Stoff herunterbeten: Helga Kirchengast, Coach am Wiener Kutschera-Institut, an dem "Selbst- und Sozialkompetenz" trainiert wird, kennt alle überforderten Typen an den Schulen. "Bis zu 70 Prozent der Lehrer" , sagt die 55-Jährige, "fühlen sich heute überfordert." Nicht wenige davon seien Burn-out-gefährdet.

Die Hauptursache: Die Pädagogen müssen zunehmend bei Situationen einschreiten, für die sie gar nicht ausgebildet sind. Etwa, wenn Kinder nicht ruhig sitzen, dauernd den Unterricht stören. Oder wenn Mobbing unter den Schülern, Gewalt im Klassenzimmer Überhand nimmt. Kirchengast: "Lehrer sind da Einzelkämpfer - und können im Team oft nicht über ihre Schwierigkeiten sprechen."
Mit den Jahren entwickeln viele, die mit ihrem Job nicht recht zurande kommen, körperliche Symptome. Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Herzschmerzen, bis hin zu Depressionen und Angstzuständen.

Werden nur die Lehrer krank oder auch die Schüler? "Es gibt Klassen, in denen nicht einmal fünf Minuten Ruhe herrscht" , weiß Kirchengast. Die Gründe für die Hyperaktivität der Kinder sind vielschichtig. Manche werden zu Hause oft allein gelassen und sitzen daher allzu oft vorm Fernseher. Anderen wird daheim jeder Wunsch gewährt, weil die berufstätigen Eltern das schlechte Gewissen drückt. Die Folgen: Die Heranwachsenden haben "keinen klaren Rahmen, kennen keine Geduld und keinen Verzicht" - und reagieren auf den Unterricht oft mit Konzentrationsschwierigkeiten sowie widerborstigem Gehabe.
Was die Trainerin, in ihrem früheren Leben selbst Lehrerin, bei notorischen Störenfrieden rät? "Statt einen Schüler zur Strafe ins Eck zu stellen, wäre es besser, ihn kurz von seinem Platz wegzusetzen - und zwar so lange, bis er quasi wieder zur Ruhe gekommen ist." (Nina Weißensteiner, DER STANDARD-Printausgabe, 5.3.2009)

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