Der Tod steht ihr gut

  • Anja Plaschg alias Soap & Skin könnte mit ihrem Debüt "Lovetune For Vacuum"  der internationale Durchbruch gelingen.
    foto: couch records

    Anja Plaschg alias Soap & Skin könnte mit ihrem Debüt "Lovetune For Vacuum"  der internationale Durchbruch gelingen.

Die 18-jährige Steirerin Anja Plaschg alias Soap & Skin veröffentlicht mit "Lovetune For Vacuum" ihr auch international heftig gefeiertes Debüt. Die Kunst des Trauermarschs mit doppeltem Boden

Wien - Als im Juni 2006 auf diesen Seiten ein erster Text über die damals 16 Jahre junge Anja Plaschg alias Soap & Skin erschien, wurde das Erscheinen eines Debütalbums für den darauffolgenden Herbst angekündigt. Arbeitstitel: Songs For The Death. Die Landwirtstochter und Schulabbrecherin aus der südsteirischen Ortschaft Gnas hatte damals an der Akademie der bildenden Künste in Wien einen Kurs zum Thema "Erweiterter malerischer Raum" belegt. Ein erster Song namens Mr. Gaunt Pt 1000 war auf dem Berliner Technolabel Shitkatapult erschienen. Und die für experimentelle Klänge bekannte New Yorker Plattenfirma Nonesuch zeigte nach ersten Konzerten von Plaschg im dortigen Avantgardetempel Knitting Factory dringendes Interesse daran, die Pianistin, Laptopkünstlerin und Sängerin international zu vermarkten.

Möglicherweise ist es gut, wenn jetzt ihre erste Arbeit im Langformat mit eineinhalbjähriger Verspätung und dem auch nicht gerade lebensfrohen Titel Lovetune For Vacuum auf dem kleinen Wiener Label Couch Records erscheint - und so nicht gleich die berüchtigte Sensationslust der angloamerikanischen Musikpresse in voller Wucht über sie kommt. Immerhin gibt sich die junge, zerbrechlich wirkende Frau, die bei Konzerten in Wien in der jüngeren Vergangenheit auch schon einmal in Verzweiflungstränen ausbrach, angesichts des gegenwärtigen Medieninteresses in Interviews klischeeverdächtig sprachlos bis entsetzt.

Wenn es um ihre Kunst und versuchte Erläuterungen derselben geht, tappt noch jeder männliche Kritiker zwischen dem Hamburger Spiegel und der Berliner Spex angesichts des zu untersuchenden Stoffes unbeabsichtigt, aber recht zügig in die Falle gutmeinender Altherrenprosa. Zum Thema weibliche Verletzlichkeit und männlicher Beschützerinstinkt scheint zwar alles schon längst gesagt worden zu sein. Aber eben noch nicht von allen.

Im Schwermut Forest

Plaschg mag als Kunstfigur Soap & Skin mit weltabgewandtem Pressefoto-Blick und schwermütigen Klavierballaden selbst einiges zu ihrem Image beigetragen haben. Man sollte bei einer sich ganz offen hochdramatisch inszenierenden Chanteuse aber nicht unbedingt davon ausgehen, dass das eigene, zwischen Melos & Thanatos aufgespannte Bild im Zeitalter einer knapper werdenden Aufmerksamkeitsökonomie rein zufällig so heftig mit dem Klischee spielt. Immerhin steht ihr diesbezüglich ja auch ein mit allen Wassern gewaschener Schmerzensmann und Kunst-Hallodri wie der FM4-Macher Fritz Ostermayer beratend zur Seite.

Musikalisch gesehen, findet man in plakativ betitelten Liedern wie Thanatos, Extinguish Me, Marche Funèbre oder Brother Of Sleep ohnehin öfter doppelte Böden als es das Branding vermuten lässt.

Wir werden Zeuge der allumfassenden Traurigkeit und Lebensmüdigkeit eines Franz Schubert. Es rattern kalte, gespenstische und scheinbar an der reinen Oberfläche beheimatete Maschinentänze zwischen Kraftwerk und Aphex Twin. Im Hintergrund hört man Schreie zwischen Hysterie und Verzweiflung. Und mit der schwelgerischen Leidenstechnik von Vorbildern wie Nico, Tori Amos und manchmal gar auch dem perfekt angetäuschten esoterischen Schmus einer Enya wird auf mehreren übereinandergelegten Stimmspuren von kleinen grausamen Gemeinheiten eines jungen Menschen berichtet, der genüsslich Tiere quält.

Diese Kunst übt sich keinesfalls in Besänftigung. In ihren besten Momenten wühlt sie auf. Weil sie Einblick gewährt in die Welt von Menschen, die Gebrauchsprosa schreibende ältere Herren oft auch selbst zu Hause sitzen haben. Sie heißen: unsere lieben Kinder. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2009)

 

Soap & Skin, CD-Präsentation am Fr., 6. 3., im brut im Wiener Künstlerhaus, 21.00. Weitere Termine: Sa., 7. 3. Spielboden, Dornbirn; 8. 3. Bierstindl, Innsbruck; 12. 3. Postgarage, Graz; 18. 3. Arge Nonnental, Salzburg. Jeweils 20.00

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