Das Lebensalter der Tiroler Bauern

4. März 2009, 16:56
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"Verschollen", lautet der bis vor kurzem gültige Status eines Hauptwerks von Albin Egger-Lienz: Jetzt wurde das Gemälde "Die Lebensalter" von Sotheby’s in Brasilien entdeckt

São Paulo / London / Wien - Besitzer unbekannt, so lautet der Eintrag im Werkverzeichnis (M 304) von Egger-Lienz zu Die Lebensalter, Entwurf 1909-1910. Die zuletzt dokumentierten Vorbesitzer (Franz Hauer, Leopold Hauer, Franz Rosenauer) sind angeführt, die Angaben zur Technik (Öl auf Leinwand) sowie zur Größe (132 x 152) hatte Autor Wilfried Kirschl für die überarbeitete, 1996 im Christian-Brandstätter-Verlag erschienene Auflage des Werkverzeichnisses einem alten Katalog des Auktionshauses Wawra entnommen. Dort war das Gemälde als "Lot Nummer 34" 1920 versteigert worden. Mit diesem Besitzerwechsel verlor sich die Spur eines Werkes, das im Œuvre Albin Egger-Lienz' eine nicht unerhebliche Rolle gespielt hatte.

Die Beschäftigung mit dem Thema der Lebensalter seines Bauernvolkes begann kurz nach der Fertigstellung der für die Hundertjahrfeier der Tiroler Erhebung von 1809 gemalten Bilder Das Kreuz und Haspinger. Wie schon die Wallfahrer wollte Egger-Lienz die Stufen des Lebens in Öl malen und nicht in der von ihm zuvor angewandten Kaseintechnik, bei der die Pigmente mit einem Bindemittel auf Basis organischer Eiweißstoffe gebunden sind.

Der erste Gestaltungsversuch der Anordnung der Figuren auf den Stufen eines Holzgerüsts wird von Egger-Lienz im Prinzip verworfen, auch dieses 1909 entstandene Werk (M 303) ist verschollen. Stattdessen wählt er eine räumliche Konzeption, für die er "die Figuren in einer starken Draufsicht der Fläche gruppiert" , so Wilfried Kirschl. Diese erste gültige Fassung wurde von Egger-Lienz zumindest zweimal überarbeitet und sorgte sogar in der Fachliteratur lange Zeit für Verwirrung, als man von zwei verschiedenen Gemälden ausging. Die endgültige, im Winter 1910/11 fertiggestellte und damit offiziell erste Version der Lebensalter zeigt die Gestalten in den offenen Feldern eines Balkengerüstes, ein Schema, das Egger-Lienz später auch für seine Gemälde Die Alten (M 331) oder Die Kriegsfrauen (M 414) übernehmen sollte.

Bislang ist das in Öl gemalte Werk Die Lebensalter nur als Schwarz-Weiß-Abbildung im Werkverzeichnis bekannt, im Gegensatz zur dritten und endgültigen Version, genannt Leben (M 302). Dieses wieder in Kaseintechnik gemalte Bild überarbeitete Egger-Lienz mehrfach, 1934 wurde es von der Österreichischen Galerie angekauft. Im gleichen Jahr wechselt in Triest - fern der Kunstöffentlichkeit - ein anderes Egger-Lienz-Gemälde in den Besitz von Hans Arnstein-Arno. Das ist ebenjene bis vor kurzem verschollene zweite Version der Lebensalter von 1909- 1910, wie Experten von Sotheby's nun im Zuge ihrer Recherchen herausfanden.

Arnstein-Arno wanderte 1938 nach Brasilien aus, mit im Reisegepäck die 132 mal 152 Zentimeter große Leinwand, die seit damals in Familienbesitz verblieb und nun in einem Privathaushalt in São Paulo gefunden wurde.

Eine Entdeckung, von der nicht nur die Kunstgeschichte, sondern vor allem Egger-Lienz in seiner Bedeutung für den internationalen Kunstmarkt profitieren wird. Denn im Vergleich zu den in den vergangenen Jahren versteigerten Arbeiten von Egger-Lienz - etwa zu den unzähligen Fassungen, Repliken und Teilrepliken der Mahlzeiten, Schnitter oder Mäher - existiert von diesem Gemälde nur eine Fassung.
Die Lebensalter (rückseitig als Studie eines Mähers bezeichnet) gelangt am 3. Juni 2009 als Herzstück der Sparte "Deutsche, Österreichische und Mitteleuropäische Kunst" in London zur Auktion. Die Erwartungen beziffert Sotheby's zwischen 300.000 und 400.000 Pfund (337.900-450.500 Euro).

Das Ergebnis könnte aber ohne weiteres den bisherigen Rekord (Totentanz, fünfte Version von 1921, 760.000 Euro netto) toppen. "Nicht nur Sammler, sondern vor allem internationale Museen werden diese Gelegenheit nutzen" , bestätigt Claude Piening, Senior Director der Sparte bei Sotheby's.

Vor allem in Amerika würden derzeit Institutionen ihre Bestände an österreichischer Klassischer Moderne aufstocken. Und Chancen auf diesem Niveau sind selbst oder gerade bei Egger-Lienz sehr selten.

Für wenige Stunden wird die vielversprechende Rarität auch in der Wiener Niederlassung von Sotheby's (7./8. Mai) im Original zu sehen sein. (Olga Kronsteiner / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.3.2009)

  • Egger-Lienz-Highlight für London: Das in Brasilien entdeckte Gemälde "Die Lebensalter"  (1909–1910) gelangt am 3. Juni 2009 in London zur Auktion (300.000–400.000 Pfund).
    foto: sotheby’s

    Egger-Lienz-Highlight für London: Das in Brasilien entdeckte Gemälde "Die Lebensalter"  (1909–1910) gelangt am 3. Juni 2009 in London zur Auktion (300.000–400.000 Pfund).

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