"Lage ernster als viele glauben"

4. März 2009, 14:30
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Nach dem Rückzug des HC Innsbruck stellt sich Österreichs Eishockey die Kostenfrage - Kommt Zagreb?

Innsbruck/Wien - Jedes Kind weiß, was passiert, wenn man einen Luftballon an einen Blasebalg hängt und kräftig pumpt. Das österreichische Eishockey weiß es nicht. Also wiederholt sich die Geschichte von zu hohen Personalkosten, zu geringen Einnahmen, von Klubs, die sich den Betrieb nicht mehr leisten können. HC Innsbruck übersiedelt freiwillig von der Erste Bank Liga (EBEL) in die Nationalliga, beendet "den finanziellen Seiltanz", wie Klubchefin Agnes Dengg sagt. In der Nationalliga sind Personal und Reisen billiger. Wien, Jesenice, Székesfehérvár spart man sich, allein vier Nationalligisten sind in Vorarlberg daheim.

"Die Lage ist viel ernster, als viele glauben", sagte VSV-Obmann Giuseppe Mion. "Wir haben immer gewarnt vor der Entwicklung. Wie schnell was passieren kann, haben wir schon zwei-, dreimal in unserem Eishockey-Leben mitgemacht.

Bill Gilligan versteht Österreichs Eishockeywelt nicht mehr. Der Graz-Trainer, am Dienstag im Viertelfinale gegen die Vienna Capitals gescheitert, sagt: "Das gibt es nur hier, dass die Klubs so viele Legionäre haben." Nach kurzen Phasen wirtschaftlicher Vernunft holten die Vereine zuletzt wieder Legionäre en masse. Die Capitals - ab heute im Semifinale gegen Salzburg (weiters: KAC - Linz) - sind Pars pro Toto, machen es den Fans nicht leicht, sich mit dem Klub zu identifizieren. Sie setzen kaum junge Österreicher ein, bestreiten weite Phasen mit drei Linien. Kundige bemerken, dass im Finish die Spritzigkeit fehlt und Verletzungen von Leistungsträgern schwer ins Gewicht fallen.

Was wollen die Fans?

Ein möglicher Ersatz für Innsbruck wäre Zagreb. In Innsbruck ist das letzte Wort aber vielleicht noch nicht gesprochen. Tiroler Wasserkraft bleibt Sponsor, Landeshauptmann Günther Platter könnte zusätzliche Gelder aufstellen. HCI-Präsidentin Dengg sah jedenfalls ein: "Selbst wenn die gesamte NHL aufs Eis laufen würde, kämen nicht mehr als 4000 Leute." Über die Saison fehlten 30.000 Zuseher, das ergibt einige hunderttausend Miese. Das Budget hatte 2,5 Millionen Euro betragen, es sollte um ein Drittel verringert werden, was nicht gelang.

In der Nationalliga will Innsbruck "einheimische Spieler einbauen". In der EBEL würde man mit dieser Taktik Prügel beziehen gegen die anderen, die mit den vielen Legionären. Darüber, wie mit Ausnahme Salzburgs die anderen Klubs ihr Auslangen finden, kann sich Dengg "nur wundern".

Caps-Präsident Hans Schmid kann sich nicht vorstellen, dass die Klubs per Gentlemen's Agreement die Anzahl der Legionäre reduzieren. "Ohne Gentlemen gibt's kein Agreement." Etliche Klubs würden eine solche Vereinbarung sehr bald brechen. Darüber hinaus hätte es die Liga nicht geschafft, zusätzliche Sponsoren aufzustellen. Schmid: "Zwei Drittel der Liga-Gelder gehen für Liga-Administration drauf." Das wäre dann ein weiterer Luftballon. (Fritz Neumann, DER STANDARD, Printausgabe, Donnerstag, 5. März 2009)

 

 

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