"Wir kommen langsam wieder auf die Beine"

4. März 2009, 21:09
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Ökonomin Ruth Kirara über die wirtschaftliche Situation in Kenia nach den Gewaltexzessen vor einem Jahr und schwelende ethnische Konflikte

derStandard.at: Kenia war vor den Gewaltexzessen nach den Wahlen im vergangenen Jahr ein afrikanischer Vorzeigestaat, was die wirtschaftliche Entwicklung betrifft. Danach befand sich die Wirtschaft allerdings im freien Fall. Gibt es schon eine Erholung?

Kiraka: Es ist zu früh, das zu sagen. Was man aber sagen kann, ist, dass wir nach diesen schrecklichen Geschehnissen nun zumindest wieder eine Chance haben, aufzubauen, was vorher vielleicht gar nicht oder zumindest unzureichend da war. Viele internationale Organisationen sind zusätzlich ins Land gekommen, haben viel in die Infrastruktur investiert. Das Land kommt wirtschaftlich wieder auf die Beine und trotz der weltweiten Finanzkrise erwarten wir einen wirtschaftlichen Zuwachs.

derStandard.at: Was genau wurde zum Beispiel aufgebaut, was früher nicht da war?

Kiraka: Ich denke hier zum Beispiel an die Telekommunikationssparte in Kenia. Der Ausbau war zwar schon vor den Gewaltausbrüchen im vergangenen Jahr geplant, aber besonders in der Situation danach erwies sich das als besonders wichtig. Die Entwicklung der Infrastruktur ist allgemein eine große Herausforderung. Sehr viele Menschen leben unter der Armutsgrenze. Die kenianische Regierung hatte geplant, Staatsanleihen aufzulegen, mit der die Entwicklung von Infrastruktur finanziert hätte werden sollen.

derStandard.at: Welche negativen Effekte der Finanzkrise sind in Kenia zu bemerken?

Kiraka: Unter anderem kommt es natürlich zu Kürzungen von Geldern aus der internationalen Entwicklungshilfe. Das kann man aber nicht so global sagen, weil in anderen Gebieten wiederum derzeit eher mehr investiert wird. Natürlich trifft die weltweite Krise auch Kenia, trotzdem muss man sagen, dass Kenias Bankensektor ohnehin eine Randposition hatte.
Kenia ist aber immer noch eines der wirtschaftlich am besten entwickelten Länder Ostafrikas. Wir unterstützen nach wie vor Länder wie Mali, Burundi, Ruanda, Äthiopien oder den Sudan.

derStandard.at: Ihr Forschungsschwerpunkt sind kleine und mittelständische Betriebe. Wie geht es denen? Kenia war in den letzten Jahren ein Vorbild für das Engagement in dem Bereich.

Kiraka: Ja. Früher war es sehr viel leichter für Einzelpersonen, Mikrokredite für eigene Unternehmen zu bekommen. Das ändert sich jetzt. Gerade letztes Wochenende habe ich eine Infoveranstaltung für Betroffene abgehalten, um zu erklären, dass sich sowohl wegen der Gewaltexzesse als auch wegen der derzeitigen weltwirtschaftlichen Lage das Verhalten der Banken verändert. Jetzt müssen Kleinunternehmer wirklich gut durchdachte Konzepte vorlegen, um Kredite zu bekommen.

derStandard.at: Wie ist die Situation der jungen Leute, zum Beispiel Ihrer Studenten?

Kiraka: Die Arbeitslosigkeit ist leider sehr hoch, etwa bei geschätzten 40 Prozent. Deswegen ist es auch so wichtig, einen Mittelstand zu etablieren. Im Bereich der Klein- und Mittelbetriebe haben wir weiterhin auch keine schlechte Entwicklung mit 20 bis 30 Prozent Zuwachs im Jahr. Wir haben außerdem etliche Universitäten, deren Ruf aber unterschiedlich gut ist. Auch viele gut ausgebildete junge Leute schaffen es nicht, nach Abschluss ihres Studiums Arbeitsplätze zu finden. Hier ist die Selbstständigkeit oft die einzige Möglichkeit. Von meine Studenten bekommen etwa 27 Prozent in den ersten sechs Monaten nach ihrem Abschluss einen Anstellung.

derStandard.at: Spielen ethnische Themen seit den Ausschreitungen im vergangenen Jahr eine größere Rolle bei der Jobsuche?

Kiraka: Ja, das ist eine erstaunliche Sache. Seit den Gewaltausbrüchen nach den letzten Wahlen ist es sehr wohl die Frage, welcher Gruppe du angehörst. Auch für die staatlichen Jobs wirst du gefragt: Woher kommst du? Wenn man sich dann wundert, was das mit der Qualifikation zu tun hat, bekommt man die Auskunft, dass man sich um Ausgewogenheit bemühen möchte. Tatsache ist aber, dass die Gewaltausbrüche vor einem Jahr noch überhaupt nicht aufgearbeitet sind. Die Beschäftigung mit deren Ursachen hat noch nicht einmal begonnen. Diejenigen, die für den Ausbruch dieser Exzesse verantwortlich sind, sitzen teilweise sogar in der Regierung. Die Konflikte sind weiter da, sie schwelen unter der Oberfläche. Hoffen wir, dass sie zumindest nicht noch mal ausbrechen. (mhe, derStandard.at, 4.3.2009)


  • Zur Person: Ruth Kiraka lehrt an der Strathmore Business School
in Nairobi, Kenia und ist seit 2008 Direktorin des Strathmore
Enterprose Development Centre. Ihr Forschungsschwerpunkt sind kleine
und mittelständische Betriebe. Kiraka war Gastrednerin auf der Tagung
"Investieren in Entwicklung - Trotz Krise ein Thema", organisiert vom
Informationsbüro Wirtschaft und Entwicklung.

    Zur Person: Ruth Kiraka lehrt an der Strathmore Business School in Nairobi, Kenia und ist seit 2008 Direktorin des Strathmore Enterprose Development Centre. Ihr Forschungsschwerpunkt sind kleine und mittelständische Betriebe. Kiraka war Gastrednerin auf der Tagung "Investieren in Entwicklung - Trotz Krise ein Thema", organisiert vom Informationsbüro Wirtschaft und Entwicklung.

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