"Zahlen Sie jetzt schon was ein?"

5. März 2009, 16:33
181 Postings

Bis Strom und Gas abgedreht werden, vergehen mindestens zehn Wochen - Fast 50.000 Menschen in Wien zahlen ihre Energiekosten per Ratenvereinbarung

"Herr Durmitsch auf 3, Bitte!". "Herr Rappel auf 4, Bitte!". An diesem kalten Wintertag ist das Kundenzentrum der Wien Energie im 9. Bezirk gut geheizt. Es ist Mittag, etwa 30 Menschen haben auf den orangen Plastiksitzen in der Mitte des weitläufigen Raumes Platz genommen. Viele halten ihre Energierechnung in der Hand. Bis man vom Betreuer aufgerufen wird, wird die Wartezeit von den meisten stumm gesenkten Hauptes überbrückt. Hie und da wird geflüstert. Zum Lesen hat kaum jemand etwas mitgebracht.

48.000 Ratenvereinbarungen pro Jahr

Die vier Beratungsinseln sind heute spärlich besetzt. Normalerweise arbeiten bis zu 20 BetreuerInnen hier. Fast 100.000 KundInnen der Wien Energie haben dieses Beratungszentrum im letzten Jahr aufgesucht. Unterschiedliche Anliegen führen sie her: Etwa 20 Prozent kommen, um Strom und Gas ab- oder umzumelden. Viele wollen sich die Erlagscheingebühr ersparen und begleichen ihre Energierechnung gleich hier. Viele kommen aber auch, weil sie Strom und Gas nicht mehr bezahlen können. Sie wollen eine Ratenvereinbarung treffen. Im schlimmsten Fall sind Strom und Gas schon abgedreht. Darüber, in wie vielen Wiener Privathaushalten derzeit gefroren wird, weil das Geld für die Energierechnung nicht reicht, liegen laut Pressesprecher Christian Ammer keine Zahlen vor. Nur so viel ist zu erfahren: Von den 100.000 KundInnen, die im letzten Jahr hier im Beratungszentrum waren, hätten etwa 13.000 eine Zahlungsvereinbarung abgeschlossen. Insgesamt schließt Wien Energie pro Monat 4.000, das sind 48.000 Ratenvereinbarungen pro Jahr ab.

Wer die Leute hier im Wartezentrum beobachtet und die Beratungsgespräche mithört, die ohne große Anstrengung mitzuverfolgen sind, gewinnt den Eindruck, dass wesentlich mehr Menschen hier sind, weil sie nicht mehr zahlen können. Augenringe, traurige Blicke, Gesichter, in denen ein wohl nicht einfaches Leben seine Spuren hinterlassen hat. Vor allem ältere Frauen sind hier, MigrantInnen, Männer in abgetragener Kleidung. "Wie lautet ihre Adresse? Was soll da bei der Jahresabrechnung nicht stimmen?". "Wie viel haben Sie mit? Zahlen Sie jetzt schon was ein?",

Ein devotes "Danke"

"Wann zahlen Sie den ersten Zahlschein. Ich kann keine Wunder bewirken. Es geht nicht anders". "Ja, tut mir Leid, ich kann es nicht ändern. Wir haben eine gewissen Rahmen, in dem wir uns bewegen", tönt es von den Beratungsinseln, die freundlich mit grünen Zimmerpflanzen geschmückt sind. Von den Kunden ist meist wenig zu hören. Leises murmeln hier. Ein devotes "Danke" da.

Nicht immer geht es im Beratungszentrum so reibungslos zu. "Das ist kein leichter Job", sagt Alois Preisinger, stellvertretender Leiter des Beratungszentrums. Manche würden hier ihren Dampf ablassen. Seine Arbeit sei dann erfolgreich, wenn er mit den Kunden einen Weg findet, wie sie ihre Rechnungen doch bezahlen können. Besonders traurige Schicksale würden die BeraterInnen treffen. "Wenn eine Mutter mit Kindern kommt, tut sie mir natürlich Leid. Andererseits hat sie das auch selbst verursacht".

"Bei Zahlungsproblemen ist es wichtig, dass so bald wie möglichst eine Ratenvereinbarung getroffen wird", sagt Ammer. Sehr oft ist das Haushaltsbudget  für die Jahresabrechnung zu knapp. Schulden könne man in drei bis vier Monatsraten bis zur Fälligkeit der nächsten Rechnung zinsfrei begleichen. Hinzu kommt eine Bearbeitungsgebühr von acht Euro. Es sei ein Teufelskreis: Zahlungsprobleme würden oft auf die lange Bank geschoben. "Es ist wirklich nicht in unserem Sinn, es Leuten, denen es ohnehin schon schlecht geht, noch schwerer zu machen", so Ammer. Deshalb arbeite man in besonderen Härtefällen auch mit Sozialeinrichtungen wie der Caritas zusammen.

Strom abgedreht

Sind Strom und Gas erst einmal abgedreht, wird es besonders hart. Mit Energie kann man dann erst wieder rechnen, wenn alle Rückstände restlos beglichen sind. Hinzu kommen 70 Euro für die Wiedereinschaltung. Besonders schlechte Zahler müssen zudem drei Monatsbeiträge im Voraus als Kaution hinterlegen, die verzinst später wieder gutgeschrieben werden. Zwischen Zahlungsfälligkeit und der Abdrehung vergehen laut Preisinger mindestens zehn Wochen, ein Erinnerungsschreiben und eine Mahnung. "Uns wäre es natürlich auch am liebsten, jeder könnte seine Rechungen bezahlen", sagt Preisinger.

Kein Problem ihre Rechung zu bezahlen hat eine Dame um die 50. Trotzdem steht sie aufgebracht am Zahlschalter. Sie begleitet ihre invalide Tante, die eine Rechnung in der Höhe von 80 Cent bekommen hat. "Für 80 Cent muss ich herkommen. Das ist eine Frechheit!" Warum sie das nicht per Überweisung begleicht? "Da fallen ja gleich 2,50 Euro Erlagscheingebühr an". (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 5. März 2009)

 

  • Eine Präventivmaßnahme in Grippezeiten: Bei der Anmeldung im Kundendienstzentrum der Wien Energie kann man sich kostenlos die Hände desinfizieren.
    foto: derstandard.at/burg

    Eine Präventivmaßnahme in Grippezeiten: Bei der Anmeldung im Kundendienstzentrum der Wien Energie kann man sich kostenlos die Hände desinfizieren.

  • Rechnungen kann man im Kundenzentrum begleichen. Viele wollen sie die Erlagscheingebühr so sparen.
    foto: derstandard.at/burg

    Rechnungen kann man im Kundenzentrum begleichen. Viele wollen sie die Erlagscheingebühr so sparen.

  • Alois Preisinger, stellvertretender Leiter des Kundenzentrums, arbeitet seit über 20 Jahren hier.
    foto: derstandard.at/burg

    Alois Preisinger, stellvertretender Leiter des Kundenzentrums, arbeitet seit über 20 Jahren hier.

  • Christph Ammer, Wien Energie-Pressesprecher: "Es ist wirklicht nicht in unserem Sinn, es Leuten, denen es ohnehin schon schlecht geht, noch schwerer zu machen."
    foto: derstandard.at/burg

    Christph Ammer, Wien Energie-Pressesprecher: "Es ist wirklicht nicht in unserem Sinn, es Leuten, denen es ohnehin schon schlecht geht, noch schwerer zu machen."

Share if you care.