"Argument A 'attackiert' das Argument B"

4. März 2009, 18:11
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An der TU Wien werden Methoden für die Analyse, die Lösung und den Vergleich von Argumentationsproblemen erarbeitet

Mit logikbasierten Analysen über Aussagen oder "Argumente" befasst sich die nächsten drei Jahre ein Projekt am Institut für Informationssysteme der Fakultät für Informatik. Das vom WWTF für drei Jahre geförderte Projekt "New Methods for Analyzing, Comparing, and Solving Argumentation Problems" möchte mit einem "Argumentation Support System" für die verschiedensten Anwendungsfelder widerspruchsfreie Mengen von Argumenten errechnen. Projektleiter Stefan Woltran sprach mit derStandard.at über die dabei entstehenden Hauptprobleme und mögliche Anwendungsbereiche.

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derStandard.at: In der Projektbeschreibung wird Argumentation als Kernbereich der Künstlichen Intelligenz beschrieben. Was kann man sich unter einem Argumentationsproblem in der KI vorstellen?

Stefan Woltran: Die Eindeutschung ist hier etwas schwierig, da man sich unter "Argumentation" und "Argumentieren" etwas anderes vorstellt, als unter dem Überbegriff "Argumentation" in der KI. Generell ist in diesem Zusammenhang "Argumentation" eine sehr abstrakte Sache. Uns geht es um die Frage, wie Argumente zueinander in Beziehung stehen.
Wenn wir wissen wollen, in welchem Verhältnis ein Argument zu anderen steht, müssen wir von diesem abstrahieren. Uns interessiert dann, ob das Argument A das Argument B "attackiert" - wie wir sagen. Stellen wir uns vor, dass eine Person A sagt, "mit der Person B möchte ich nicht zusammenarbeiten". In einer größeren Firma mit vielen Personen können sie diese fragen, mit wem sie zusammenarbeiten wollen, somit bekommen sie ein großes Netzwerk zusammen. Was man dann natürlich will - beispielsweise für die Zuordnung zu Projekten - ist eine Auswahl von Gruppen von Leuten, die miteinander können. Wir wollen also aus Netzwerken verschiedene akzeptable Mengen von Argumenten errechnen.

derStandard.at: Was wäre eine andere Form eines Argumentes?

Stefan Woltran: Zum Beispiel ein Gesetzesparagraph oder ein Posting in einem Forum: Der Abstrahierungsgrad von solchen normalsprachlichen Argumenten ist sehr hoch, was bedeutet: Man schaut sich eigentlich gar nicht an, was ist das Argument, sondern wir schauen uns nur an, welches Argument mit welchem in Widerspruch steht. Das ist die Kernidee, bei der wir ansetzen.

derStandard.at: Warum haben Sie als Beispiel für eine bestimmte Form von Argumenten gerade die Rechtswissenschaften gewählt?

Stefan Woltran: Es gibt an der University of Liverpool eine Gruppe, die sich intensiv mit Problemen aus diesem Bereich beschäftigt. Ein simples Beispiel wäre eine Situation wo ein Zuckerkranker einbricht, um an Insulin zu kommen. In so einem Fall stehen dann gewisse Paragraphen in Widerspruch, wie etwa, dass man nicht einbrechen darf und dass es ein Grundrecht auf Überleben gibt - ich bin kein Rechtswissenschafter und kann das nur sehr oberflächlich wiedergeben. Bei komplexeren Fällen dieser Art kann es für die Entscheidungsfindung wichtig sein, dass man dann diese Paragraphen, wie die in dem obigen Beispiel, herausfiltert. Das müssen aber RechtswissenschaftlerInnen machen. Dadurch erhalten wir ein Netzwerk, mit dem wir dann arbeiten, also etwa ein Beziehungsnetzwerk von Paragraphen und wir können dann RechtsexpertInnen jene Netzwerke vorschlagen, mit denen man noch zu einem konsistenten Urteil kommt. ExpertInnen aus einem bestimmten Gebiet, wie eben den Rechtswissenschaften, bekommen von uns als Output eine Teilmenge von Paragraphen. Wir können ihnen dann sagen, dass sie sich mit der Verwendung von einer bestimmten Teilmenge von Paragraphen in einem konsistenten Rahmen bewegen. Unser "Produkt" ist somit ein "Argumentation Support System".

derStandard.at: Diese Netzwerke liegen Ihnen aber schon formalisiert vor, oder? Vor allem in Bezug auf Interaktionen im Netz denkt man sofort an Blogs oder Foren und an Argumentation im normalsprachlichen Sinn.

Stefan Woltran: Ja, das ist das missverständliche an dem Begriff. Die Semantik eines Argumentes zu analysieren ist nicht unsere Aufgabe. Es geht uns um die Beziehungen zwischen Aussagen. Bearbeitet man diese Beziehungen bekommt man ein "Argumentation Framework", ein Netz mit Argumenten und deren Beziehungen zueinander - dieses mathematische Objekt ist unsere Ausgangslage. Hat man nun so ein Netz formalisiert, gibt es zahlreiche Ideen, wie man Mengen von widerspruchsfreien Argumenten auswählen kann. Die verschiedenen Ansätze sollen zu den jeweiligen Anwendungsgebieten passen.

derStandard.at: Wenn normale Sprache keine Rolle spielt, mit welchen Daten arbeiten sie dann?

Stefan Woltran: Ja, das ist in dem Fall interessant, denn die muss man erst finden. Das Gebiet ist etwa seit zehn Jahren etabliert. Benchmark-Daten oder Testdaten, an denen man Algorithmen ausprobieren kann, gibt es kaum. Wir haben eine Zusammenarbeit mit KollegInnen aus Irland vor, die sich mit dem Thema Semantik-Web beschäftigen und die im Zuge von einem anderen Projekt Diskussionsforen aus dem Netz analysieren. Wir hoffen, dass wir von diesen KollegInnen bereits formalisierte Daten bekommen. Insofern spielt natürliche Sprache für uns keine Rolle.

derStandard.at: Welche Disziplinen sind in dem Projekt eingebunden?

Stefan Woltran: Zwei DoktorandInnen-Stellen werden für drei Jahre bezahlt, die beiden DoktorandInnen (vorgesehen sind der Mathematiker Wolfgang Dvorak und die Informatikerin Sarah Gaggl) sind bereits an unserem Institut tätig - es ist daher kein interdisziplinäres Projekt.
Ab einem gewissen Zeitpunkt werden wir aber auch an andere Disziplinen andocken müssen, damit uns ExpertInnen sagen, welcher Algorithmus in ihrem Anwerndungsgebiet eine gute Auswahl trifft und welcher nicht, während das in einem anderen Anwendungsfeld wiederum ganz anders aussehen kann.

derStandard.at: Der geplante Prototyp eines "Argumentation Support Systems" soll also vor allem nicht auf bestimmte Anwendungsfelder eingeschränkt sein?

Stefan Woltran: Ja. Im Bereich der KI wird oft erstmal sehr theoretisch nachgedacht. Es gibt sehr viele Ansätze, wie man eine widerspruchsfreie Menge an Argumenten auswählt. Oft gibt es dann Einwände, dass etwa der Vorschlag X für einen bestimmten Bereich schlecht ist, und dass man doch einen besseren Vorschlag hätte. Mit diesen vielen verschiedenen Möglichkeiten verliert man leicht den Überblick - deshalb wollen wir das alles in ein System zusammenfassen.

derStandard.at: Sind soziale Netzwerke für das "Argumentation Support System" eine mögliche Hauptanwendung? Beispielsweise große Unternehmen zur Schaffung von Arbeitsstrukturen?

Stefan Woltran: Ja. Wenn man - z.B. mit 1000 Menschen - eine Befragung macht, etwa "mit wem wollen sie nicht arbeiten", dann bekommt man ein riesiges Netz, wo man als Mensch wahrscheinlich nicht mehr sieht, was jetzt eine kluge Unterteilung wäre. Für so was könnte man unser System verwenden.

derStandard.at.: Soll dieses System dann Open Source zur Verfügung stehen?

Stefan Woltran: Ja - es soll insbesondere den ForscherInnen zur Verfügung stehen, die diese Formalismen entwickelt haben, damit sie diese dann auch vergleichen können. Es soll somit auch eine experimentelle Plattform sein.

derStandard.at: Worin werden die größten Herausforderungen bestehen?

Stefan Woltran: Ein Problem lässt sich ganz gut auch an sozialen Netzwerken illustrieren. Nehmen wir ein großes Netzwerk von Leuten an. Ein kleiner Teil von diesen Leuten bildet ein Team mit einer bestimmten Beziehungsstruktur. Angenommen man will dieses Team austauschen, dann sind folgende Fragen interessant: Wie kann das gemacht werden, ohne an der Gesamtsituation was zu ändern? Oder, kann ich so was entscheiden, ohne die Gesamtstruktur zu betrachten? Wie ähnlich müssten die Strukturen sein, so dass ein Austausch nichts ändert? Das ist eine Herausforderung: Die Charakterisierung äquivalenter Subnetze.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, wie eine Auswertung auch für große Netzwerke effizient gemacht werden kann.

Diese Herausforderungen dokumentieren, dass die Hauptprojektziele in der Grundlagenforschung angesiedelt sind. Grundlagenforschung im Rahmen der Informations- und Kommunikationstechnologie ist ja nicht immer so sichtbar. Es ist daher umso begrüßenswerter, dass der WWTF insbesondere solche Forschungsprojekte in Wien fördert. (Die Fragen stellte Beate Hausbichler, derStandard.at, 4.3.2009)

Zur Person:

Stefan Woltran studierte Informatik an der TU Wien und promovierte 2003. Seit 2007 ist er Universitätsassistent am Institut für Informationssysteme der TU Wien.

  • Projektleiter Stefan Woltran und eine Illustration eines möglichen Netzwerkes.
    foto: der standard.at

    Projektleiter Stefan Woltran und eine Illustration eines möglichen Netzwerkes.

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