"Slowenisches Srebrenica"

4. März 2009, 18:56
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Tausende Opfer kommunistischer Massenerschießungen in Bergwerk entdeckt

Ljubljana/Wien - Ein beispielloser Leichenfund schockt Slowenien. In einem Bergwerk nahe der zentralslowenischen Stadt Lasko wurde am Dienstag ein Massengrab mit mehreren tausend Opfern kommunistischer Massentötungen aus dem Jahr 1945 entdeckt. Hunderte Leichen waren so gut vor Umwelteinflüssen geschützt, dass sie mumifiziert wurden.

Die Ermittler brauchten mehr als ein halbes Jahr, um in das Massengrab vorzustoßen. Es mussten nämlich zunächst Tonnen an Geröll aus dem Bergwerk mit dem bezeichnenden Namen "Huda Jama" ("Schlimme Grube") geschafft werden, da sich die Täter sehr viel Mühe gemacht hatten, ihre Gräueltaten vor der Nachwelt zu verbergen. Insgesamt sechs Sperren - aus Beton, Geröll, Lehm und schließlich Holz - mussten durchstoßen werden, um das 400 Meter im Berg liegende Massengrab freizulegen. Dort befinden sich zwei 45 Meter tiefe vertikale Schächte, die randvoll mit Leichen sind. Die ersten Opfer seien wohl lebend in die Gruben geworfen worden, hieß es.

Opfer zusammengebunden

"Vor den beiden Gruben stießen wir zunächst auf einen Haufen von Schuhen", erzählte Marko Strovs vom slowenischen Sozialministerium. "Dann sahen wir Drähte, mit denen die Opfer am Rücken zusammengebunden waren." Statt der erwarteten Skelette hätten die Ermittler dann aber nackte mumifizierte Leichen erblickt. "Der Anblick war so erschütternd, dass es kaum zu beschreiben ist", sagte Polizeiermittler Peter Jamnik.

Der Leiter der slowenischen Regierungskommission für versteckte Gräber, Joze Dezman, bezeichnete das Massengrab als "slowenisches Srebrenica". "Das ist weltweit das größte je in einem Bergwerk gefundene Massengrab", sagte Dezman im TV-Interview. Zur Zeitung Zurnal sagte er, die Opferzahl sei noch nicht abzuschätzen. "Ich würde aber sagen, dass es um mehrere tausend Tote geht."

Die Ermittler zweifeln nicht daran, dass es sich bei den Toten um Opfer kommunistischer Massentötungen handelt. Die Erschießungen seien Ende Mai oder Anfang Juni 1945 erfolgt, sagte Ausgrabungsleiter Mitja Ferenc. Bisher gebe es nur eine Augenzeugenaussage, nämlich jene des Fahrers, der die Gefangenen ins Bergwerk gebracht habe. Seinen Angaben zufolge handelte es sich um Slowenen. Gerüchten zufolge waren die Gefangenen aber kroatische Kriegsgegner der Partisanen.

Insgesamt werden in Slowenien 600 Massengräber vermutet, in denen 300.000 Opfer kommunistischer Massentötungen liegen sollen. Die Partisanen hatten nach dem Zweiten Weltkrieg mutmaßliche Kollaborateure mit Nazi-Deutschland, Anhänger des faschistischen kroatischen Ustascha-Regimes und ideologische Gegner umgebracht. Erst vor zwei Jahren wurde nahe Maribor (Marburg) beim Autobahnbau ein Massengrab entdeckt, in dem bis zu 15.000 Tote vermutet werden.

Wegen ideologischer Differenzen konnten sich die slowenischen Parteien bisher aber nicht auf ein Gesetz zur Einrichtung von Gedenkstätten einigen. Die Linke ist auf eine Unterscheidung zwischen getöteten Nazi-Kollaborateuren und im Befreiungskampf gefallenen Partisanen bedacht. Ob solche Differenzierungen heute noch sinnvoll sind, bezweifeln viele. "Wir müssen unsere Geschichte untersuchen und anerkennen, so wie sie war. Wir wissen, dass sie grausam war. Und wir sollten die Toten achten", sagte Ferenc. (Stefan Vospernik/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 3. 2009)

 

 

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    Eines von insgesamt 600 vermuteten Massengräbern in Slowenien wurde 2006 in Skofja Loka entdeckt.

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