Die Arbeit der Tempel-Retter

3. März 2009, 19:46
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Österreichische Forscher dokumentieren buddhistische Baudenkmäler aus dem Mittelalter in entlegenen Regionen des westlichen Himalaya

Die Gebirgsregion des westlichen Himalaya im Grenzgebiet zwischen China, Indien und Nepal war lange einer der wenigen weißen Flecken auf der Landkarte. Gerade ihre Unzugänglichkeit war es, die den Grazer Architekturprofessor Holger Neuwirth bereits in den 1970er-Jahren hierher lockten. Eigentlich sollte er eine Dokumentation über ein jahrhundertealtes buddhistisches Kloster verfassen, "aber das scheiterte damals an der indischen Bürokratie", erinnert sich der auf Denkmalpflege spezialisierte und mittlerweile emeritierte Baukunstexperte.

Entmutigen ließ er sich dadurch nicht: die Erforschung früher buddhistischer Architektur ist zu einem seiner Lebensthemen geworden. Mit der damals gelernten Geduld hat es Neuwirth geschafft, in den letzten zehn Jahren etwa sechzig dieser mittelalterlichen Sakralbauten im westlichen Himalaya mit der finanziellen Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF akribisch zu vermessen und zu dokumentieren.

Da einige dieser beeindruckenden Baudenkmäler aus dem 10. bis 14. Jahrhundert bereits verfallen sind, bleiben sie durch Neuwirths Arbeit zumindest der Kunst- und Baugeschichte erhalten: "virtuelle Denkmalpflege" nennt er das.

Viele der uralten Klosteranlagen, Dorf- oder Höhlentempel sind dank des trockenen Klimas und ihrer schweren Erreichbarkeit noch in einem guten Zustand, etwa der Tempel bei der alten Königsburg von Wanla in der nordindischen Provinz Ladakh im Bundesstaat Jammu und Kashmir. Der Tempel mit seinen 700 Jahre alten bunten Lehmfiguren und Wandmalereien wird auch heute noch liturgisch genutzt.

Mehrere tausend Aufnahmen hat der Wissenschafter seit 1998 von diesem Bau und den Kunstschätzen in seinem Inneren gemacht und gemeinsam mit dem Wiener Kunsthistoriker Christian Luczanitzs und dem Tibetologen Ernst Steinkellner ausgewertet.

Heute ist Wanla einer der bestdokumentierten Tempel der Region. Wer ihn sehen will, sich aber die Strapazen der Anreise und den mühsamen Aufstieg sparen will, braucht nur die Projekthomepage zu besuchen, wo man den Tempel mitsamt seinem faszinierenden Innenleben bequem mittels Animation durchwandern kann und auch einen Eindruck von seiner unbeschreiblichen Lage bekommt.

Sieben Jahre zähen Verhandelns hat es bedurft, bis das Kloster Hemis schließlich die Genehmigung zur Aufnahme des Figurenmandalas von Sumda Chung erteilte. Auch die Arbeitsbedingungen vor Ort waren ziemlich abenteuerlich: Die nötigen Gerätschaften mussten zu Fuß über einen Saumpfad auf mehr als 3800 Meter hinaufgeschleppt werden, und gewohnt haben die Wissenschafter auf nahegelegenen Gehöften. "An die Flöhe und die Kälte haben wir uns mit der Zeit sogar gewöhnt", sagt Neuwirth, der fast jedes Jahr zwei Monate in der Region Feldforschung betreibt. Durch die Unterstützung der schweizerischen Entwicklungshilfegruppe ACHI ist Wanla nicht nur gut dokumentiert, sondern wird derzeit auch restauriert.

Ein Glück, das etwa der Klosteranlage von Tholing nicht zuteilwurde: "Diese Anlage haben bereits die Chinesen restauriert - leider alles andere als fachkundig", bedauert Neuwirth. "Eine Re-Renovierung ist hier zwar nicht mehr möglich, zumindest aber ist die Anlage durch die Dokumentation nicht ganz verloren."

Ein Großteil der untersuchten Bauwerke kann bereits auf der Homepage studiert werden, und die erste Monografie - eine architektonisch-kunsthistorische Beschreibung des Tempels von Wanla - soll noch heuer erscheinen.

Tatsächlich findet die aufwändige Datensammlung mittlerweile im Wettlauf mit der Zeit statt, da selbst diese abgelegene Region für den Tourismus erschlossen werden soll. "Es werden viele neue Straßen gebaut, und außerdem beginnen die chinesischen und indischen Behörden verstärkt zu renovieren - allerdings nach ihren eigenen Methoden, die zum Teil eine verheerende Wirkung auf die Gebäude haben", so Neuwirth. Aus diesem Grund gehöre auch die Erstellung eines Schadenskatalogs zur Projektarbeit. Eine andere Gefährdung geht vom Klimawandel aus, der sich durch vermehrte Niederschläge in dieser an sich trockenen Zone bemerkbar macht.

Für die in einer Mischbauweise aus Stein, Lehm und Holz errichteten Sakralbauten mit ihren Wandmalereien und Lehmfiguren, die teilweise ein Jahrtausend erstaunlich gut überstanden haben, bedeutet dies natürlich einen beschleunigten Verfall. (Doris Griesser/STANDARD,Printausgabe, 04.03.2009)

  • Der Tempel in Wanla in der nord-indischen Provinz Ladakh ist einer der bestdokumentierten in der Region. Mehrere tausend Fotos wurden von ihm gemacht.
    foto: neuwirth

    Der Tempel in Wanla in der nord-indischen Provinz Ladakh ist einer der bestdokumentierten in der Region. Mehrere tausend Fotos wurden von ihm gemacht.

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