Die korrumpierten Superhelden

3. März 2009, 19:35
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"Watchmen" war der erste Comic-Roman, in dem Popkultur, Politik und Gesellschaftskritik zusammenfanden - auf die Verfilmung musste man 20 Jahre warten

Für alle Hardcore-Comics-Fans gilt Alan Moores und Dave Gibbons' Watchmen als sakrosankt: Besser geht's in diesem Genre nicht. Insofern muss jeder Adaption dieser maßgebenden "graphic novel" von Anfang an der Geruch von Blasphemie anhaften. Wie soll sich dieses genuine Werk, eine postheroische Coda auf die Ära der Superhelden, auf das Medium Film übertragen lassen - zumal auf eine Millionen Dollar schwere Hollywoodproduktion?

Als bedürfte es noch eines Beweises, geriet das Vorhaben schon im Entwicklungsstadium zum Fiasko. 20 Jahre vergingen, in denen Drehbuchautoren wie Sam Hamm (Batman), Regisseure wie Terry Gilliam - dem Moore das Projekt noch persönlich ausredete -, Darren Aronofsky (The Wrestler) und Paul Greengrass (The Bourne Ultimatum) irgendwann aufgaben. Anfang 2000 wechselten dann auch noch die Rechte zwischen unterschiedlichen Produktionsstudios hin und her - mit gerichtlichen Folgen.

Dass es nun doch zu einem Film gekommen ist, liegt vor allem an US-Regisseur Zack Snyder, der seit dem Schlachtenepos 300 als Mann für unmögliche Missionen gilt. Das Verdikt über Watchmen, dramaturgisch zu sprunghaft, atmosphärisch zu düster, überhaupt zu detailversessen für einen Film zu sein, schüchterte ihn nicht ein. Das Ergebnis zeigt jedoch, dass Respekt gegenüber der Vorlage auch implizit zum Hindernis werden kann - im Drang, ihr in jeder Hinsicht gerecht zu werden: Snyder hat ganze Comics-Kader-Serien direkt übernommen.

Paradoxerweise ist es gerade der lange Vorspann des Films, in dem eine Ahnung davon entsteht, was ein etwas freierer und frecherer Zugriff bewirkt hätte: In einer von Bob Dylans The Times They Are A-Changin' begleiteten Sequenz breitet Snyder ein Panorama von 40 Jahren Zeitgeschichte aus, in denen die Comic-Helden - die als Minutemen, später als Watchmen das Verbrechen bekämpften - in archetypische historische Bilder eingepasst werden. Die Ermordung von JFK, eine Photo-Op mit Andy Warhol, Fidel Castro in Moskau - jedes Bild ist vertraut, mit dem kleinen Unterschied, dass The Comedian, Nite Owl und Dr. Manhattan auch darin vorkommen.

Moralisch ambivalent

Die für das Genre so epochale Umkehrung liegt darin, die ComicHelden wieder auf menschliche Maßstäbe zurechtzuschrumpfen und sie als moralisch korrumpierbare Handlanger der Politik zu zeichnen. Dr. Manhattan (Billy Crudup - im digital animierten Adamskostüm), seit einem Unfall mit überirdischen Kräften gesegnet, gibt den entscheidenden Impuls für Richard Nixons dritte Amtszeit, als er den Vietnamkrieg im Alleingang gewinnt. Snyder hat zwar eine ältere Drehbuchfassung, die unverständlicherweise aktualisiert worden war, wieder in die Zeit der 80er-Jahre zurückverlegt, aber es gelingt ihm nur unzureichend, den politischen Allegorien dramatisches Tempo zu verleihen.

Schuld daran ist einerseits Snyders Hang, die verschachtelte Struktur der Comic-Vorlage bewahren zu wollen - die Vorgeschichten der Protagonisten werden in Rückblenden ausgebreitet -, was in einem zeitlich linearen Medium wie dem Kino wenig sinnvoll erscheint. Als Zugeständnis an die Form des Blockbusters erscheinen dagegen Aktionseinlagen, in denen unnötig viel Blut verspritzt wird - was der apokalyptischen Stimmung eher abträglich ist.

Dennoch nötigt einem der überambitionierte Anspruch Snyders auch Respekt ab: In der Liga der Superheldenfilme erscheint Watchmen selbst wie ein hybrides Ungetüm - zu anspruchsvoll und zu kompromisslos, um nur eine Geschäftsidee zu bedienen. Wie der finsterste Filmheld, Rorschach (Jackie Earle Haley), gibt er sich nicht mit der grauen Mitte zufrieden. Watchmen erforscht die radikaleren Pole einer Großproduktion. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 3. 2009)

 

  • Der etwas andere Rorschach-Test: Die gleichnamige maskierte Comicfigur
ist der finsterste Held der "Watchmen". Ab Freitag im Kino.
    foto: warner bros/image.net

    Der etwas andere Rorschach-Test: Die gleichnamige maskierte Comicfigur ist der finsterste Held der "Watchmen". Ab Freitag im Kino.

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