Nachtschwarz und blutrot

3. März 2009, 19:29
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"Watchmen" - die historische Bedeutung der Vorlage

Die Helden sind müde geworden. Aber das ist nicht das Schlimmste. Seit Mitte der 1980er-Jahre leiden Superhelden mitunter auch an Potenz- und ziemlich heftigen pathologischen Problemen. Sie trinken zu viel, werden psychotisch, sadistisch, autoaggressiv, fremdrabiat. Sie töten, weil getötet wird. Und kämpfen, weil der Krieg tobt. Vor allem auch in ihnen selbst. Der Küchenpsychologe sagt: Schief gegangene männliche Übersprungshandlungen wie etwa die versuchte Weltrettung in Form von Bösewichtabschlachtungen münden in ein unerschöpfliches, die Affekte kaum regulierendes Selbstbemitleidungsreservoir.

Neben dem US-Comiczeichner Frank Miller, der vor gut 20 Jahren Superman und Batman in die Midlife- und Endlebens-Krise schickte, die mitunter in der Psychiatrie Halt macht, zählt vor allem der 55-jährige britische Comics-Schreiber Alan Moore zur Speerspitze jener Autoren, die das Genre der plumpen Bilderhefte revolutionierte. Zentrale Werke neben Watchmen: From Hell, V For Vendetta, The League Of Extraordinary Gentlemen, Batman: The Killing Joke.

Atomare Bedrohung

Seine 1986/87 in zwölf Folgen veröffentlichte "graphic novel" Watchmen sorgte mit ihren vom Leben und Überleben gezeichneten, kaputten Helden wie Rorschach, The Comedian, Dr. Manhattan oder Nite Owl für einen markanten Bruch. Nach diesem wurde die hölzerne, blut- und lebensleere Welt von Superman und seinen Freunden im Zeitalter der atomaren Bedrohung tatsächlich in ihre Einzelbestandteile zerlegt - und mit tropfenden Leitungen, schiefen Nähten und den Farben Nachtschwarz und Blutrot neu erschaffen.

Law & Order, zynische Menschenverachtung und Selbstgerechtigkeit treiben die "Helden". Diverse Nebenhandlungen, Rückblenden und über das Wesen der Superhelden-Comics reflektierende Einschübe prägen den Erzählstrang, der Mitte der 80er-Jahre an der Schwelle eines Atomkriegs zwischen der UdSSR und den USA angesiedelt ist. Watchmen fungiert als historische Schnittstelle. In einem Genre, das weit über die Grenzen seines A4-Formats hinausweist. Bob Dylan wird hier ebenso zitiert wie Friedrich Nietzsche, Albert Einsteins Relativitätstheorie, William Blake oder Elvis Costello. Watchmen ist der erste und einzige "Roman", der Popkultur und Alltag, Politik und Verbrechen, Gesellschaft und Verzweiflung allumfassend zusammendenkt - und kurzfristig sogar ein trügerisches Happy End schafft.

Ein zentraler Satz des psychotischen Helden Rorschach lautet: "They'll say ,save us' - and I'll whisper ,no'". Keine Gnade, kein falscher Friede. Schlacht gewonnen, Krieg verloren. Rorschach erinnert nicht umsonst mit aufgestelltem Mantelkragen und Hut an kaputte Detektive Dashiell Hammetts oder Raymond Chandlers. Bloß, dass gegen ihn Philip Marlowe wie ein optimistisches Hippiekind wirkt. Aber Marlowe verwendete auch keine Schlachtermesser. (Christian Schachinger/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 3. 2009) 

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