Rätselhaftes Riesenmaul

3. März 2009, 19:29
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Er wurde vor 32 Jahren entdeckt und seither erst rund 40-mal gesichtet - Kein Wunder, dass der Riesenmaulhai viele Fragen für die Wissenschaft aufwirft

Man schrieb den 15. November 1976: Das Forschungsschiff AFB-14 hatte gut 23 Seemeilen vor der Küste der Hawaii-Insel Oahu ozeanografische Messungen durchgeführt. Bevor das Boot weiterfahren konnte, mussten die zwei fallschirmartigen Treibanker, die in 165 Meter Tiefe schwebten, eingeholt werden.

Einer davon schien seltsamerweise schwerer geworden zu sein. An der Oberfläche zeigte sich die Ursache: Ein riesiger, knapp viereinhalb Meter langer Hai hatte sich in den Seilen des Treibankers verfangen. Keiner der Anwesenden hatte je ein solches Tier gesehen. Vor allem das enorm breite, dehnbare Maul des Fisches verblüffte.

Gigantischer Planktonfresser

Die Meeresforscher ahnten, dass ihnen der Zufall etwas Besonderes zugespielt hatte. Sie brachten ihren "Fang" umgehend an Land. Nach der Untersuchung durch drei Haiexperten stand fest: Es handelte sich um eine bis dahin vollkommen unbekannte Spezies. Die Spezialisten tauften sie Megachasma pelagiosus - den Riesenmaulhai. Im Magen fanden sich große Mengen Krillkrebse. Offensichtlich war der Gigant ein Planktonfresser.

Gut 32 Jahre später sind weltweit nur 40 Funde, Fänge oder Beobachtungen dieser skurrilen Knorpelfische bekannt. Die meisten stammen aus dem westpazifischen Raum. Einige wurden tot oder sterbend an Küsten angespült, andere wiederum gingen Fischern ins Netz. Manche waren mehr als fünf Meter lang.

Aber wie konnte eine so große Tierart der Wissenschaft so lange verborgen bleiben? Wie leben sie, und wie lässt sich ihr häufigeres, wenngleich noch immer rares Auftreten in den vergangenen Jahrzehnten deuten?

Laut Fischspezialist Bernard Séret vom Muséum national d'Histoire naturelle in Paris ist die steigende Anzahl Megachasma-Meldungen vor allem auf das wachsende Interesse an und seitens der Meeresforschung zurückzuführen. Spektakuläre Neuentdeckungen schärfen demnach die Wahrnehmung - bei Laien und Experten.

Früher seien Riesenmaulhaie mit den verwandten, aber ziemlich unterschiedlich aussehenden Riesenhaien (Cetorhinus maximus) verwechselt worden, so Séret gegenüber dem Standard. Abgesehen davon, dürfte die stark intensivierte Hochseefischerei mit ihren modernen Methoden zum vermehrten Fang von Megachasma pelagiosus führen, meint der Experte.

Vielleicht kamen Riesenmaulhaie in der Vergangenheit einmal häufiger vor. In den letzten Jahrzehnten wurden an mehreren Orten rund um den Globus relativ kleine fossile Zähne gefunden, die Paläontologen ebenfalls der Gattung Megachasma zuordnen. Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift Geologica Belgica (Bd. 12, S. 179) meldet den Fund mehrerer Riesenmaulhaizähne bei Baggerarbeiten zur Erweiterung des Antwerpener Hafens. Sie sind rund fünf Millionen Jahre alt.

Leider haben Forscher fast nie die Gelegenheit, einen lebendigen Vertreter dieser seltenen Art zu studieren. Eine Ausnahme war der Fang von Riesenmaulhai Nr. 6 im Oktober 1990 vor der kalifornischen Küste. Das Tier konnte unversehrt zum Hafen transportiert werden und wurde dort von Experten untersucht. Anschließend ließ man das Tier mit zwei Peilsendern auf dem offenen Meer wieder frei. Mehr als 50 Stunden lang zeigten die Geräte Position und Tiefe des Hais an (vgl. Environmental Biology of Fishes, Bd. 49, S. 389).

Tagsüber schwamm er gemächlich in Tiefen von 120 bis 166 Metern, bei Sonnenuntergang jedoch stieg er auf, verbrachte die Nacht in nur 12 bis 25 Metern Wassertiefe und tauchte bei Tagesanbruch wieder ab - wahrscheinlich, um Planktonschwärme zu verfolgen.

Maul zum Ausstülpen

Die genaue Funktion des ausstülpbaren Riesenmauls konnte nun vom japanischen Fischforscher Kazuhiro Nakaya geklärt werden. Er sezierte einen 1040 kg schweren Megachasma pelagiosus, welcher vor der Südküste Japans gefangen wurde. Die Untersuchung zeigte, dass Riesenmaulhaie über einen besonderen Aufklappmechanismus verfügen.

Ihm verdanken die Großfische die Fähigkeit, schlagartig enorme Wassermengen aufnehmen zu können, um so ganze Krillschwärme einzusaugen. Sehr dehnbares Mundgewebe unterstützt den Vorgang. Diese Form der Nahrungsaufnahme sei einzigartig für Knorpelfische, schreibt Nakaya im Fachblatt Journal of Fish Biology (Bd. 73, S. 17), es gibt sie sonst nur bei Furchen- und Buckelwalen. Damit sind die Riesenmäuler ein Musterbeispiel konvergenter Evolution: Sie haben sich bei völlig unterschiedlichen Tierarten als Anpassung an die Nahrung entwickelt. (Kurt de Swaaf/STANDARD,Printausgabe, 04.03.2009)

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    Ein extrem dehnbares Mundgewebe hilft dem Riesenfisch bei der Nahrungsaufnahme.

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