Erst am Sterbebett wird ausgeblendet

4. März 2009, 14:31
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Vermarktung des Schicksals: Das öffentliche Sterben des britischen Reality-TV-Starlets Jade Goody verschiebt Grenzen

Die gute Nachricht vorab: Den Moment ihres Todes wird Jade Goody nicht filmen lassen. Das verspricht ihr PR-Manager Max Clifford. Ihr öffentliches Sterben wird aber weitergehen. Die 27-jährige Britin leidet an Gebärmutterhalskrebs - die Ärzte geben ihr gerade noch ein paar Wochen. Vielleicht ja auch nur Tage. Doch bis dahin wird die Vermarktung des Schicksals der Mutter zweier Söhne weitergehen: "Ich habe vor den Fernsehkameras gelebt", sagt Goody, "jetzt werde ich vor ihnen sterben." Großbritannien erlebt eine Reality-Show der makabren Art.

Ignoranz und loses Mundwerk

Die Zahnarzthelferin ohne Schulabschluss ist ein Produkt der britischen TV-Kultur. Sie kam zu Prominenz, als sie 2002 erstmals in "Big Brother" auftrat. Goody besaß eine unschlagbare Kombination von Ignoranz und losem Mundwerk: Rio de Janeiro hielt sie für einen Fußballer, Cambridge war ein Stadtteil Londons. Die Briten liebten das. Goody wurde zur Ikone der weißen Unterschicht, zum Vorzeigeproll. Der Aufstieg zur "Celebrity" machte sie reich. Zwei Autobiografien erschienen, Kochbücher schrieb sie - und auch ihr Parfum auf wurde zum Bestseller.

Der Absturz kam beim zweiten "Big-Brother"-Auftritt 2007. Jane Goody äußerte rassistische Beleidigungen gegenüber der indischen Schauspielerin (und Mitbewohnerin) Shilpa Shetty. Der Sturm der Entrüstung machte Goody zur Unperson. In Indien kam es zu Demonstrationen, der damalige Schatzkanzler Gordon Brown verurteilte die Äußerungen öffentlich: Die Karriere schien vorbei zu sein.

Das änderte sich, als ihr - vor laufener Kamera - Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert wurde. Das war im August, während eines Abbittebesuchs, in der indischen Variante von "Big Brother". Die Stimmung schlug um, umso mehr, als Goody in der Folge in aller Ausführlichkeit über ihre Krankheit redete, den Ausfall ihrer Haare kommentierte und die Nation an ihrem Schicksal teilnehmen ließ.

Keine Chance

Nachdem ihr Anfang des Jahres eröffnet wurde, dass auch eine aggressive Chemotherapie nicht geholfen hätte und das Ende nahe sei, kam es zum vorläufig letzten Höhepunkt der Goody-Show: Die mittlerweile völlig Kahlköpfige heiratete ihren Verlobten Jack Tweed. Allein für die Vermarktung ihrer Märchenhochzeit erhielt Goody umgerechnet rund 1,2 Millionen Euro.

Weitere Höhepunkte (Taufe der Kinder oder große Interviews) sind geplant. Goody tut es für ihre zwei Söhne: Sie will ihnen Geld hinterlassen, "genug, damit sie bis zum Alter von 18 Jahren eine Privatschule besuchen können."

Spendenflut

Selbst Gordon Brown applaudierte nun: "Ihre Entschlossenheit, ihrer Familie zu helfen, begrüße ich. Ich wünsche ihr das Beste." Der gute Zweck macht die Geschichte für die Öffentlichkeit noch unwiderstehlicher. Das Gewissen der Voyeure beruhigt, dass die Zahl der Frauen, die sich einem Gebärmutterhalstest unterziehen, um 20 Prozent gestiegen ist und dass Krebsorganisationen sich über eine Spendenflut freuen.

Weit sei es gekommen, klagen einige Kommentatoren, wenn die Agonie eines Menschen zur Fernsehunterhaltung wird. Im 19. Jahrhundert delektierte man sich an den Freak-Shows der Jahrmärkte. Die heutige Version ist Sterben zur besten Sendezeit. (Jochen Wittmann aus London/DER STANDARD; Printausgabe, 4.3.2009)

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    Öffentlich ist alles ein fröhliches Spektakel: Goody mit Freundinnen. Und "zufällig" tragen alle die gleiche Marke.

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