Tonmeister des Arbeitergesangs

3. März 2009, 18:29
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Als Musik Fortschritt war: Die Ausstellung "Hanns Eisler - Mensch und Masse" im Wiener Jüdischen Museum

Wien - Für die Dauer einiger weniger Jahrzehnte durfte der kommunistische Komponist Hanns Eisler (1898-1962) von sich glauben, der Sache des Fortschritts an vorderster Front zu dienen. Der Wiener, Sohn des jüdischen Philosophen Rudolf Eisler, erlernte als Schüler Arnold Schönbergs früh die Kunst der seriellen Kompositionsweise. Als Marxist war er aber der festen Überzeugung, seine Einsichten in die Organisation der Töne nicht einfach denjenigen überlassen zu können, die die Musik als ihren rechtmäßigen Besitz ansahen: den "Bürgern".

Aus der Sicht einer heutigen Kultur, in der Musik als frei verfügbares Gut von jedermann aus dem Netz heruntergeladen werden kann, ist Eisler eigentlich eine "unmögliche", eine nur mehr schwer zu verstehende Figur. Die Hanns-Eisler-Ausstellung des Jüdischen Museums Wien (Hanns Eisler - Mensch und Masse) erinnert mit lebensgroßen Pappfiguren an die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Es sind die vielen Anonymen, an die sich revolutionäre Künstler wie Eisler - im Bewusstsein der eigenen, "überlegenen" Weltsicht - wandten.

Eislers Vita ist prototypisch - ein Bürgerkind, in Watte gepackt und in behüteten Verhältnissen aufgezogen, sucht die Verständigung mit einer neuen demografischen Größe: Man beginnt voller Zukunftszuversicht, an die "Massen" zu appellieren. Die Kunst der Avantgarde wird städtisch. Das Industrieproletariat, von der Linken zum "Subjekt" der Geschichte erklärt, soll teilhaben an den umstürzenden Einsichten von Marx und Engels, von Thälmann, Lenin, Stalin.

Nichts darf mehr bloß "gefallen". Das Bewusstsein der arbeitenden Menschen wird von den Aposteln der neuen Lehre zur Gummiknetmasse erklärt. Agitation und Propaganda heißen die Künste einer auf Erweckung und Parteilichkeit getrimmten Weltsicht, die Erbaulichkeit nur duldet, wenn aus dieser ein neues, angeblich "fortschrittliches" Bewusstsein erwächst.

Musik, so kunstvoll sie auch sein mag, ist ab einem solchen Zeitpunkt nicht mehr einfach sie selbst. Sie muss mehr leisten, als bloß Harmoniegesetzen Genüge zu tun - mögen diese noch so „neu" sein. Musik wird zum Material - wie letztlich auch die Menschen, an die sie sich richtet. Eisler schreibt Kantaten für Arbeitergesangsvereine. Er tut sich mit Bertolt Brecht zusammen und erfindet für ihn Bühnenmusiken, deren sarkastischer Ton umwerfend, deren "Hit-Dichte" beeindruckend ist.

Wie in einem Glückstraum fallen die lästigen, für überholt erklärten Bildungsbarrieren: Für die Frist einiger weniger Jahre, in welchen die Weimarer Republik die schönsten künstlerischen Blütenträume zu erfüllen scheint, sieht sich der Avantgardist in der Masse aufgehoben. Es ist ein Traum, der von Verblendung handelt, von trügerischen Illusionen - und von der bitteren Pointe, sich als Staatskünstler der jungen DDR auf der Bank der als bürgerlich und dekadent Verfemten, mithin als "Deklassierter" wiederzufinden.

Sachlicher Parcours

Für Eisler, den Komponisten der Johannes-R.-Becher-Hymne, hat man im Jüdischen Museum einen wunderbaren Parcours gebaut: In schwarzen Stellkästen mit Mate_rial-Waben hat man Lebenszeugnisse einer ruhelosen, untröstlichen Existenz versammelt. Es geht etwas Unversöhntes, Irritierendes von dieser Schau aus, die daran erinnert, was die Künste einst vermochten - als sich ihre begabtesten Urheber in den Dienst einer „Sache" stellten, die ihnen über den Kopf wuchs. Eisler, Schöpfer des unsterblichen Hollywood-Songbooks, zeitweilig Gemahl von Louise Eisler-Fischer, starb 1962 an Herzversagen. Er bekam ein DDR-Staatsbegräbnis. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 4. 3. 2009)

Bis 12.7.

  • Hanns Eisler (re.) und sein Stichwortgeber Bertolt Brecht, fotografiert 1955.
    foto: jüdisches museum

    Hanns Eisler (re.) und sein Stichwortgeber Bertolt Brecht, fotografiert 1955.

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