Schularbeit und Schularbeiten

3. März 2009, 17:55
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Das Schulsystem drängt den Unterricht an den Rand - zum Nachteil aller Beteiligten - von Lisa Nimmervoll

Die banalste Wahrheit gleich vorneweg: Natürlich ist der Plan von Bildungsministerin Claudia Schmied, den Lehrern künftig zwei Stunden (im Schuljargon 100 Minuten) mehr Face-to-face-Kontakt mit den Schülern zuzumuten, in erster Linie Ausdruck budgetärer Nöte. Und da ist noch was: die Krise. Wohl die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Das sollte nicht ganz außer Acht gelassen werden bei der Debatte über einen doch relativ krisenresistenten Arbeitsbereich. So viel zu den äußeren Umständen.

Interessant ist die Innenperspektive des Konflikts zwischen Lehrern oder deren Gewerkschaftern und Ministerin. Der sagt viel über die Verfasstheit des Schulsystems und das Selbstverständnis zumindest der öffentlich auftretenden Lehrerschaft aus. Sie wehrt sich heftig gegen das, was Schule ausmacht: das gemeinsame Lehren und Lernen von Lehrern und Schülern.
Wobei das Problem bei der Lehrer-Debatte ist, dass man immer irgendwem Unrecht tut. Es ist nicht einerlei, ob man in einer Volksschule unterrichtet, in einer Hauptschulklasse mit hohen migrationspolitischen Anforderungen steht oder die Arbeitsstätte ein Gymnasium mit Kindern vorrangig aus gut situiertem Milieu ist.

Dazu kommen ungerechtfertigte Gehaltsunterschiede, die aus der absurden, geteilten Lehrerausbildung resultieren und eine problematische Werteskala abbilden. Sie besagt ungeschönt: Der Unterricht ist umso weniger wert, je jünger die Kinder sind.

Die Lehrerschaft ist damit genauso in einer Art Kastenwesen organisiert und segregiert wie die Schülerschaft - ein unseliges Charakteristikum des österreichischen Schulwesens, das so sehr mit Selektion und Kultivierung von unterschiedlichen Klassen - von Lehrern und Kindern - beschäftigt ist, dass der Kern von Schule aus dem Blick gerät. Der Kern ist die direkte Interaktion von Lehrenden und Lernenden.

Dagegen wehren sich die Lehrer jetzt. Aber auf große Sympathiebekundungen der Öffentlichkeit dürfen sie nicht hoffen. Denn zu deren Erfahrungen mit der Schule, etwa als Eltern schulpflichtiger Kinder, gehört zum Beispiel ein grassierendes und florierendes Nachhilfe-Unwesen, das großteils von jenen Lehrern getragen wird, die jetzt lauthals gegen mehr Unterrichtsverpflichtung in der Schule aufschreien. Aber außerhalb und extra entlohnt ist das Unterrichten offenbar recht begehrt.
Was der aktuelle Konflikt um die ausgeweitete Lehrverpflichtung vor allem zeigt, ist ein Systemfehler der Schule in Österreich. Sie ist als Ort konzipiert, von dem Schüler und Lehrer so schnell wie möglich flüchten (wollen und sollen) und wo das Kerngeschäft, der Unterricht, schon strukturell marginalisiert wird - verschärft durch viele zusätzliche von der Gesellschaft delegierte Aufgaben, die mehr sozialarbeiterische denn originäre Lehrer-Aufgaben sind. Das Übel heißt Halbtagsschule.

Diese mag für die Lehrerschaft unbestreitbar angenehm sein und hat aufgrund der familienfreundlichen Arbeitszeit mit zu einer Feminisierung des Lehrberufs geführt. Für die Familien der Schüler ist diese Konstruktion aber ein Stressfaktor. Vor allem ist der in 50-Minuten-Happen zerhackte und in Vormittagsunterricht und Nachmittagsfreizeit oder -betreuung zerrissene Schultag Steinzeit-Pädagogik.

In so einer Schule entsteht nicht das Treibhausklima, das lebendige Bildung braucht. Noch sind die Schulen keine Orte, wo Schüler und Lehrer gemeinsam leben und lernen, üben und experimentieren, spielen und feiern können. Das setzt voraus, dass Schule und ihre Organisation so reformiert werden, dass sie mehr sind als der Ort, an dem Schüler ihre Schularbeiten schreiben, sondern auch der, wo Lehrer ihre Schularbeit adäquat machen können. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.3.2009)

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