Jungfrauen als Patriarchen

3. März 2009, 18:06
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In Nordalbanien gibt es noch einige Frauen, die als "soziale Männer" leben

Sie können breitbeinig im Sessel fläzen, Schnäpse kippen, und sie fragen niemanden, was sie zu tun oder zu lassen haben. Sie entscheiden über ihr Leben. Bloß, sie haben keinen Sex. Zumindest haben sie offiziell keine Partner. Die sogenannten Schwurjungfrauen sind Frauen, die die soziale Männerrolle übernommen haben, aber nicht die sexuelle. Um ins andere Geschlecht schlüpfen zu können, legen sie ein Keuschheitsgelübde ab. Einige Dutzend gibt es noch von ihnen im Norden von Albanien. In der Rolle als Schwurjungfrauen leben sie im Vergleich zu den Frauen in dem rigiden albanischen Patriarchat geradezu privilegiert.

Arrangierter Ehe entkommen

Manche von ihnen haben sich die Männerrolle nicht ausgesucht. Sie wurden zu Schwurjungfrauen, weil es in der Familie schlichtweg an Männern mangelte. Wenn etwa männliche Nachkommen fehlten, dann wurden sie schon als Kinder so erzogen. Andere wurden zu "Männern", weil sie so einer Verheiratung entgehen konnten. Insbesondere wenn Ehen von den Familien arrangiert waren, war der Geschlechtsrollenwechsel für Frauen die einzige Möglichkeit, die Hochzeit ausfallen zu lassen, ohne "Schande" über beide Familien zu bringen.

Schwurjungfrauen gab es auch in Serbien, Mazedonien und Bosnien. Seit 1850 ist das Phänomen als das einzig bekannte Beispiel für einen institutionalisierten Geschlechtsrollenwechsel in Europa dokumentiert. Erwähnt ist es auch im Kanun, einem aus dem Mittelalter stammendes Gewohnheitsrecht, das sich bis in die Neuzeit erhalten hat. Der Kanun regelt die Bereiche Schuldrecht, Ehe- und Erbrecht, Strafrecht sowie Kirchen-, Landwirtschafts-, Fischerei- und Jagdrecht. Die Frauen spielen im Kanun eine marginale Rolle und haben kaum Rechte. Sie werden als "Schlauch" bezeichnet, „in dem die Ware transportiert wird".
Die Gesellschaftsordnung ist patrilinear und patrilokal, das heißt, dass die männlichen Nachkommen erben, alle Nachkommen der Familie des Mannes zugerechnet werden und die Frauen, wenn sie heiraten, in die Familien der Männer ziehen. Im Kanun des Lek Dukagjini, benannt nach dem Fürsten Dukagjini (1410-1481) wird erwähnt, dass die Schwurjungfrauen „den anderen Frauen nicht gesondert behandelt" werden sollen. „Nur sind sie frei, sich unter den Männern aufzuhalten, aber ohne Stimme (wenn auch Sitz) im Rate." Die Schwurjungfrauen gab es also vielleicht schon im Mittelalter.

In Mitteleuropa, wo die Geschlechterrollen mittlerweile diffuser sind, gibt es einen umfassenden sozialen Geschlechterwechsel nicht. Denn der bedeutet nicht nur, dass die Frauen - wie eben die Schwurjungfrauen in Albanien - sich so kleiden und bewegen wie Männer, die Arbeit verrichten, die üblicherweise Männer machen, so reden, trinken, essen, rauchen und ihre Religion ausüben wie Männer, sondern es bedeutet auch, dass sie von allen Frauen und Männern als Männer behandelt werden. Sie werden gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen.

Die Schwurjungfrauen sind also ein Beispiel dafür, dass das Geschlecht an sich mit der Geschlechterrolle nichts zu tun haben muss. In Albanien ist es vor allem auf dem Land auch heute noch schwer, sich als Ehefrau scheiden zu lassen, weil die ökonomischen Überlebenschancen minimal sind. Von Frauenorganisationen auch im Kosovo kann man erfahren, dass Frauen bei ihren gewalttätigen Ehemännern bleiben, weil sie auch von der Herkunftsfamilie nicht wieder aufgenommen werden. Als Schwurjungfrauen könnten dieselben Frauen in derselben Gesellschaft hingegen alle Berufe ergreifen, vom Lastwagenfahrer bis zum Schafhirten, und geprügelt würden sie sicher nicht.

Frei ohne Emanzipation

Wenn in einer sehr patriarchalen Gesellschaft wie der albanischen die Geschlechterrolle gewechselt wird, dann wird eine Frau nicht nur zum Mann, sondern zum Patriarchen. Betrachtet man Bilder von albanischen Schwurjungfrauen - mit kesser Kappe auf dem kurzen Haar, einer Zigarette hinter dem Ohr und dem Selbstbewusstsein, wie es Personen haben, deren Macht nicht angezweifelt wird -, dann kann man sich fragen, ob die Freiheiten dieser Frauen nicht weit über jene hinausgehen, die Frauen im Laufe der Emanzipationsbewegung in westlichen Gesellschaften erkämpft haben. Die Rolle „Schwurjungfrau" für einige Frauen karikiert aber höchstens das Patriarchat und kratzt natürlich nicht an seinen Grundfesten. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, Print, 4.3.2009)

 

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