EU: Türkinnen weit weg vom Arbeitsmarkt

3. März 2009, 17:37
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Familiennachzug verdeckt Verbesserungen bei Bildung

Keine andere Gruppe ist so weit entfernt vom Arbeitsmarkt. Innerhalb der EU gehen nur 30 Prozent der Türkinnen einer Erwerbsarbeit nach. Das ist die Hälfte der weiblichen Erwerbsquote. Zwar kam die EU-Kommission in einer Studie vergangenen Herbst zum Schluss, dass die Erwerbsquoten-Kluft zwischen den Geschlechtern größer ist als zwischen jenen Menschen, die im Inland und Ausland geboren wurden, bei den Türkinnen ist aber auch die Herkunft signifikanter.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Bildung sind schon bei türkischen Jugendlichen besonders stark ausgeprägt. Und sie werden offenbar größer. Während 1995 noch 30,5 Prozent der 15- bis 24-jährigen türkischen Frauen eine Schule besuchten, verringerte sich der Anteil bis 2001 auf 21, 8 Prozent. Die anderen "verschwinden" in den Haushalten. Man kann das auf die generell schlechtere Arbeitslage weiblicher Jugendlicher mit einfachen Qualifikationen zurückführen. Manche türkische Mädchen dürfen auch nicht einer Lehre nachgehen, wenn sie dabei nicht zu Hause wohnen können.

Doch das erklärt noch nicht, warum im Vergleich zu anderen Migrantengruppen laut einer Analyse der österreichischen Akademie der Wissenschaften Türkinnen am seltensten einen beruflichen Aufstieg verwirklichen können. Haben sie eine schlechtere Ausbildung? "Nein", sagt die Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl. Es sei zwar richtig, dass die Bildungsquote bei den türkischen Frauen, die in Österreich leben, kontinuierlich schlechter geworden sei, dies sei aber darauf zurückzuführen, dass viele Türkinnen erst jetzt durch die Familienzusammenführung nach Österreich geholt werden. "Die erste Generation von türkischen Immigrantinnen wird so immer neu bestückt. Die zweite Generation hat schon ein ganz anders Verhalten", so Biffl.

Jene Frauen, die von Beginn an in Österreich in die Schule gegangen seien, hätten eine bessere Ausbildung. "Sie heiraten auch später und kriegen später Kinder", erklärt Biffl. Sie plädiert dafür, dass man türkische Frauen "in gesellschaftliche Räume" einbindet, denn in den eigenen beengten Räumen sei Bildung schwer aufzuholen.

Dennoch seien auch, wie bei den ÖsterreicherInnen, die türkischen Mädchen generell besser in der Schule als die Buben. Die türkischen Studentinnen, die man hierzulande an den Unis sehen kann, seien aber nicht unbedingt mit den Aufsteigerinnen dieser zweiten Generation gleichzusetzen. "Das sind oft Studentinnen aus der Türkei. Sie studieren in Wien, weil sie hier an der Uni ein Kopftuch tragen können", sagt Biffl. (awö, DER STANDARD, Print, 4.3.2009)

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