"Die Wall Street verlangt Details"

3. März 2009, 17:23
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Analysten führen die Börsen-Abstürze auf das mangelnde Vertrauen an den Märkten zurück. Auch zu wenig Details zu den vielen Rettungspaketen sorgen für Unsicherheit

Wien - Seit rund eineinhalb Jahren verlieren die Börsen weltweit kontinuierlich an Wert. "So einen globalen und lang anhaltenden Sog nach unten habe ich noch nie gesehen", sagt Friedrich Mostböck, Head of Research der Erste Group. Allein der Wiener Leitindex ATX hat seit Jahresbeginn bereits 19 Prozent verloren, nachdem im Vorjahr mehr als 60 Prozent an Wert vernichtet wurde.

Als Grund für diese Spirale, die sich weiter und weiter nach unten dreht, nennen Experten das weiterhin fehlende Vertrauen an den Finanz- und Kapitalmärkten und das Übergreifen der Krise auf die Realwirtschaft. "Die Frage ist, welcher Sektor als nächster die Hand aufhält, um gerettet zu werden", sagt Alfred Reisenberger vom Brokerhaus Cheuvreux. Es seien nicht nur die schlechten Nachrichten, die täglich vermeldet werden, sonder auch die Dimension der Verluste, "die unvorstellbare Ausmaße erreichen und daher für immer weitere Verunsicherung sorgen", sagt Reisenberger zum STANDARD.

Ein Problem sehen Analysten auch in den Konjunkturpaketen, die zwar eifrig geschnürt werden. "Man weiß aber nicht, ob diese Pakete greifen werden, und was jetzt wirklich mit den toxischen Assets passiert", meint Reisenberger. "Vom Markt werden diese Pakete negiert, weil die Sicherheit fehlt, dass das, was beschlossen wurde, auch ausreichen wird" , fügt Mostböck hinzu. "Die Wall Street verlangt nach mehr Details zu den einzelnen Hilfspaketen", fasst Monika Rosen vom Asset Management der Bank Austria zusammen. Daher werde sich auch die Frage stellen, "wie viel Zeit der Markt dem neuen US-Präsidenten Barack Obama dafür noch gibt".

In diese Kerbe passt eine Meldung vom Dienstag, wonach in den USA für den Ankauf fauler Kredite mehrere Fonds geplant seien, an denen sich auch Privatinvestoren beteiligen sollen. Diese müssten eine bestimmte Menge Kapital aufbringen, das durch staatliche Mittel ergänzt werde. Über die genaue Struktur sei aber noch nicht entschieden worden, berichtet das Wall Street Journal.

In Summe herrsche damit ein Klima, wo niemand mehr genau wisse, was als nächstes passiere und wie es weiter gehe. Daher hielten sich auch Investoren zurück.

Dazu gesellt sich aber noch ein anderes Faktum, erklärt Reisenberger: "Die Aktien werden von Tag zu Tag billiger und damit stellt sich die Frage, wann man einsteigen soll und ob sich morgen nicht vielleicht eine noch günstigere Möglichkeit bietet."

Gewinne schmelzen weg

Die Krise und die damit einhergehenden drastischen Kursabschläge vernichten mittlerweile die Börsengewinne der vergangenen Jahrzehnte (siehe Grafik). Der Dow Jones und der ATX haben sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich nach oben gearbeitet - diese Gewinne sind nun verpufft. Der Dow Jones notierte 1995 noch bei weniger als 4000 Punkten und erreichte am 12. Oktober 2007 sein Allzeithoch von 14.093,08 Punkten. Von diesem Zeitpunkt an ging es bergab. Innerhalb von knapp 17 Monaten wurde mehr als die Hälfte der Gewinne wieder aufgefressen.

Ebenso drastisch das Bild beim ATX. Ende Oktober 1995 dümpelte der heimische Leitindex noch bei weniger als 900 Punkten dahin. Ab 2003 ging es dann, nach langen, unspektakulären Jahren, steil nach oben. Sein Maximum von 4.971,37 Punkten erreichte der ATX am 6. Juli 2007. Vom Allzeithoch bis heute, innerhalb von 20 Monaten, sind gut zwei Drittel des Werts wieder weggeschmolzen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Printausgabe, 4.3.2009)

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    grafik: der standard
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