Ein Tag zum Ausschlafen

3. März 2009, 18:00
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Der Frauentag in Russland hat wenig mit dem internationalen Frauentag zu tun, sondern ist vielmehr ein Feiertag für die ganze Familie

Dabei haben die meisten Russinnen wenig Grund zum Feiern.

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Nächstes Wochenende wird bei Natella der Wecker stumm bleiben. Am 8. März wird in Russland der Internationale Frauentag gefeiert, und die 36-jährige Moskauer Lehrerin kann ausschlafen. An diesem Tag lautet das ungeschriebene Gesetz, dass die Zubereitung des Frühstücks alleine in die Verantwortung der Ehemänner und Kinder fällt.

Damit nicht genug: Da der 8. März in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, ist automatisch der darauffolgende Montag arbeitsfrei. "Der zusätzliche Urlaubstag ist das größte Geschenk" , meint Natella mit einem Augenzwinkern. Für die berufstätigen Frauen beginnen die Feierlichkeiten bereits am Freitag. Es wird erwartet, dass Männer ihre Kolleginnen an ihrem Festtag mit Blumen beschenken.
In Russland hat der Frauentag nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Kampf der Feministinnen um Gleichberechtigung zu tun. Vielmehr ist der 8. März ein Familienfeiertag, der am ehesten mit unserem Muttertag zu vergleichen ist.

Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren aus dem Westen importierte Feiertage begonnen haben, die traditionellen, sowjetischen Festtage zu verdrängen. Vor allem die Jugend feiert heutzutage lieber Valentins- als Frauentag oder Halloween statt Masleniza, eine Art russisches Frühlingsfest.

In den vergangenen Jahren des Wirtschaftsbooms hat der Frauentag vor allem dazu beigetragen, die Umsätze der Juweliere, Boutiquen und Parfümerien kräftig anzukurbeln. Das beliebteste Geschenk sind jedoch Blumen. Ein kleinerer Blumenstrauß kostet in Moskau schon mal schnell 30 Euro. Wie stark sich die Wirtschaftskrise auf die Großzügigkeit der russischen Männer auswirken wird, ist noch unklar. Die Blumenverkäuferin an der Metrostation Frunsenskaja hat ihre Bestellmenge nicht reduziert: "Nur sind es dieses Jahr mehr Tulpen als Orchideen."

Auslöser der Revolution

Die Wurzeln des Internationalen Frauentags gehen in Russland auf die Russische Revolution zurück. Am 8. März 1917 - nach dem alten russischen Kalender am 23. Februar - protestierten in St. Petersburg Textilarbeiterinnen gegen das Kriegselend. Sie forderten "Brot und Frieden" . Den Fabriksarbeiterinnen schlossen sich bald andere Arbeiter- und Soldatenfrauen an. Die Proteste gelten als Auslöser der Februarrevolution.

Zur Ehre der Rolle der Frauen in der Revolution erklärte Lenin auf der Zweiten Internationalen Konferenz kommunistischer Frauen 1921 in Moskau den 8. März zum internationalen Gedenktag. 1966 wurde der 8. März aus Dank für die "Verdienste der sowjetischen Frauen um den Aufbau des Kommunismus und den Schutz der Heimat während des Großen Vaterländischen Krieges" zum arbeitsfreien Tag.

Der feministische Hintergrund des Frauentages spielte in der Sowjetunion nie eine große Rolle, da im Kommunismus alle Mensch gleich und damit Frauen und Männer gleichberechtigt waren. In Russland gibt es daher auch einen Männertag. Am 23. Februar, an dem die Rote Armee gegründet wurde, wird der Tag der Vaterlandsverteidiger gefeiert.

Zu Zeiten der Sowjetunion waren fast 90 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter erwerbstätig. Vor allem in den ersten Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion haben sich die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten der russischen Frauen verschlechtert. Frauen verdienen durchschnittlich 70 Prozent der Löhne und Gehälter ihrer männlichen Kollegen. Ihre Renten sind nur halb so hoch. In Russland ist es daher durchaus üblich, dass Frauen zwei bis drei Jobs gleichzeitig ausüben. Das russische Sprichwort "Frauen machen die Arbeit, Männer das Geld" drückt dieses Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern aus.

In der russischen Politik sind Frauen unterrepräsentiert. Unter den rund 80 Gouverneuren gibt es nur eine Frau, Valentina Matwijenko, die Gouverneurin von St. Petersburg. Gemessen am Anteil der weiblichen Abgeordneten in der Duma, zehn Prozent, liegt Russland an der 80. Stelle weltweit.

In der traditionell patriarchalisch geprägten russischen Gesellschaft haben es Frauen nicht nur im Job schwerer, sondern auch zu Hause. Den meisten Männern ist die Mitarbeit im Haushalt vollkommen fremd. Ein großes Problem ist auch häusliche Gewalt, die als Kavaliersdelikt gilt. Nach Angaben von Nichtregierungsorganisationen werden täglich 36.000 Russinnen verprügelt. (Verena Diethelm, DER STANDARD, Print, 4.3.2009)

Am 8. März bekommen alle Frauen in Russland Blumen geschenkt. Auch die „Morschi" oder auf Deutsch Walrösser, wie sich die russischen Eisschwimmer nennen. Foto: AP

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    Am 8. März bekommen alle Frauen in Russland Blumen geschenkt. Auch die "Morschi" oder auf Deutsch Walrösser, wie sich die russischen Eisschwimmerinnen nennen.

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