Frauenherzen schlagen anders

3. März 2009, 18:39
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Medikamente können sehr unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer haben

Andreas Feiertag fasst häufig gestellte Fragen und Irrtümer zur Gendermedizin zusammen.

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Frage: Warum wirken Medikamente geschlechtsspezifisch?
Antwort: Verantwortlich für die unterschiedliche Wirkweise gleicher Dosen sind Geschlechterunterschiede in Resorption, Distribution, Plasmaproteinbindung und Elimination von Arzneien. Frauen haben beispielsweise weniger Magensäure, weshalb Medikamente länger im Magen bleiben und sich so die Wirkung verstärken kann. Der bei Frauen oft höhere Körperfettanteil erhöht bei lipophilen Arzneien das Verteilungsvolumen. Auch die Hormone Östrogen und Progesteron haben einen mitunter erheblichen Einfluss.

Frage: Müssen Medikamente heute an Frauen getestet werden?
Antwort: Die Arzneimittelbehörden lassen heute keine Medikamente zu, die nicht auch an einem Mindestanteil von Frauen getestet wurde. In den USA wird ein mindestens 40-prozentiger Anteil an Frauen verlangt, in der EU jedoch ist der Anteil bis heute nicht quantifiziert.

Frage: Ist der Herzinfarkt männlich?
Antwort: Diese Mär wurde jahrzehntelang mit einem sexistischen Rollenbild tradiert: die Frau als Heimchen am Herd und der Mann als stressgeplagter Geldverdiener. Doch wurde der Herzinfarkt inzwischen von der Pionierin der Gendermedizin in Österreich, von der Innsbrucker Ärztin Margarethe Hochleitner, entmannt: Mit 59 Prozent starben zuletzt in Österreich mehr Frauen daran als Männer (38 Prozent). Da jedoch Männer bisher das Norm-Studienobjekt waren und die Symptome zwischen den Geschlechtern variieren, wurden die Anzeichen bei Frauen übersehen oder falsch behandelt.

Frage: Sind Krebserkrankungen weiblich?
Antwort: Nein. Auch wenn die Krebsstatistiken für einzelne Zeitspannen bei Frauen einmal eine stärkere, dann wieder schwächere Zunahme von Tumorerkrankungen feststellt, so variieren die Zahlen über einen langen Zeitraum hinweg kaum. Generell nehmen Krebserkrankungen zu, was mit einer steigenden Lebenserwartung einhergeht. Innerhalb einzelner Indikationen gibt es aber sehr wohl Unterschiede. So erkranken etwa mehr Männer an Magenkrebs als Frauen.

Frage: Gibt es ein Gender-Lehrbeispiel für Arzneiwirksamkeit?
Antwort: Acetylsalicylsäure. Nicht nur, dass Aspirin Kopfschmerzen lindert und Fieber senkt, als Blutverdünner senkt es auch die Risiken für Herzinfarkte und Schlag-anfälle - hieß es lange. Modernere Untersuchungen fanden heraus: Während bei Männern 100 Milligramm die Gefahr eines Infarkts um 32 Prozent und die eines Schlaganfalls um 16 Prozent verringern, senken sie bei Frauen zwar das Schlaganfallrisiko um 30 Prozent, haben aber überhaupt keinen Einfluss auf die Entstehung eines Herzinfarktes. Frauenherzen schlagen anders.

Frage: Gibt es Grenzen in der Gendermedizin?
Antwort: Medizinisch kaum. So gut wie gar nicht diskutiert werden aber ethische Aspekte: Wer haftet, wenn Frauen nach Studienteilnahme geschädigte Kinder gebären? Sollen sich Schwangere an den Studien beteiligen? Und nicht zuletzt: Sollten Medikamente nicht auch an Kindern getestet werden? (DER STANDARD, Printausgabe 04.03.2009)

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