"Arbeitslose Männer machen mehr Angst"

3. März 2009, 19:09
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Ökonomin Gabriele Michalitsch: Frauen wird die Wirt­schafts­krise kaum nützen

Der Standard: Können Frauen von der Wirtschaftskrise profitieren?

Michalitsch: Ob Frauen mittel- bis längerfristig profitieren können, ist im Moment noch vollkommen offen. Das hängt davon ab, ob es zu einem gesellschaftlichen Paradigmenwechsel kommt. In der aktuellen Phase jedenfalls können Frauen nicht profitieren. Die kommenden Konjunkturprogramme sind dazu da, das bestehende Herrschaftsgefüge zu stabilisieren.

Der Standard: Demnach geht es nicht darum, die Märkte zu festigen?

Michalitsch: Wir haben eine Vertrauenskrise, die das gesamte System betrifft. Sie ist das Resultat des Zusammenwirkens von Politik und Ökonomie. Daher denke ich, dass es hier um eine Stabilisierung des Gesamtsystems und der damit verbundenen Machtverhältnisse geht.

Der Standard: Und dieses Gefüge ist männlich?

Michalitsch: Unter Anführungszeichen - denn das bedeutet, dass spezifische Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit damit verknüpft sind. Über diese wird Geschlechterherrschaft ausgeübt. Aktuell zeigen uns die Stabilisierungsprogramme, dass sich an den Geschlechterverhältnissen nicht viel Positives - im Sinne von emanzipatorisch - bewegen wird.

Der Standard: Warum ist das so?

Michalitsch: Weil die Konjunkturprogramme darauf ausgerichtet sind, männliche Arbeitsplätze zu fördern und zu stabilisieren. Und weil die Qualifizierungsprogramme für weibliche Arbeitnehmer das bei weitem nicht aufwiegen. So entsteht der Eindruck, dass vor allem Männer von der Krise betroffen sind. Das ist blanker Zynismus.

Der Standard: Aber offenbar leiden vor allem "männliche" Branchen.

Michalitsch: Sicher ist es akut so. Sobald sich die Krise ausweitet und die Konsumnachfrage zurückgeht, werden auch "Frauenbranchen" betroffen sein. Es gibt bereits jetzt Rückgänge im Tourismus - einer von Frauen dominierten Branche. Viele "weibliche" Dienstleistungsarbeitsplätze werden in Teilzeitarbeitsplätze umgewandelt.

Der Standard: Was sind die Folgen?

Michalitsch: Die Atypisierung von Beschäftigung wird sich beschleunigen. Das heißt zum einen geringere Einkommen, aber auch nur partielle Integration in das Sozialsystem. Das ist mit hohen Risiken bezüglich der sozialen Sicherheit verbunden - was sich wiederum in einem hohen Maß an Armutsgefährdung niederschlägt. Tatsächlich ist die Armut unter Frauen - vor allem alleinerziehenden - deutlich höher als unter Männern.

Der Standard: Wie sieht es mit unbezahlter Arbeit im privaten Bereich aus, die oft von Frauen verrichtet wird?

Michalitsch: Sie wirkt wie ein Puffer. Wenn die Haushaltseinkommen sinken, wird versucht, diesen Rückgang über mehr Eigenleistung auszugleichen - dieser Versorgungsbereich ist in unserer Gesellschaft Frauen zugewiesen. Das heißt: mehr unbezahlte Arbeit für Frauen. Frauen trifft auch jede Verringerung des Einkommens, jede Verkürzung der Arbeitszeit, jeder Anstieg der Arbeitslosigkeit viel stärker, weil sie von einem niedrigen Einkommensniveau ausgehen und wenig Rücklagen haben.

Der Standard: Weil sie von Haus aus weniger verdienen?

Michalitsch: Ja. Frauenarbeit wird viel geringer bewertet. Frauen haben kaum Möglichkeiten, Rücklagen zu bilden, mit denen sich die Krise durchtauchen ließe. Weil sie ökonomisch schlechtergestellt sind, wird es sie besonders hart treffen. Das hat auch damit zu tun, was für die politisch Verantwortlichen bedrohlicher ist: Arbeitslose Männer machen mehr Angst als arbeitslose Frauen.

Der Standard: Gibt es keinen Lichtblick?

Michalitsch: Ich sehe die Chance, dass alternative Ökonomiemodelle in Betracht gezogen werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges war unser Denken nur auf den Markt fixiert - es gab kein Gegenmodell mehr: "There is no alternative", wie Margret Thatcher sagte.

Der Standard: Und gibt es Alternativen?

Michalitsch: Es gibt mehr als nur die Marktökonomie. Etwa eine mit dem Staat verknüpfte Dienstleistungsökonomie, die nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Es gibt eine Versorgungsökonomie im Privaten, die unbezahlt ist, die aber einen hohen Anteil an der Wertschöpfung erbringt. Diese nicht profitorientierten Bereiche und die Marktökonomie sollten zusammen gedacht werden. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt feministischer Ökonomik. Es geht um ein integratives Verständnis von Ökonomie. (Die Fragen stellte Markus Böhm, DER STANDARD, Printausgabe 04.03.2009)

Zur Person:
Die Politikwissenschafterin und Ökonomin Gabriele Michalitsch lehrt am Institut für Volkswirtschaftstheorie und -politik der Wirschaftsuniversität Wien und an der Universität Wien.

  • Gabriele Michalitsch glaubt, dass die Konjunkturpakete darauf ausgerichtet sind, männliche Arbeitsplätze zu fördern und zu stabilisieren.
    foto: standard/martin fuchs

    Gabriele Michalitsch glaubt, dass die Konjunkturpakete darauf ausgerichtet sind, männliche Arbeitsplätze zu fördern und zu stabilisieren.

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