"Frauen wollen Denkprozesse mitteilen"

3. März 2009, 17:58
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Frauen und Männer kommunizieren unterschiedlich, meint die Psychologin Julia Onken im Gespräch über Mütter, Feminismus und Männer, die über ihre Gefühle sprechen lernen

Standard: Sie sehen den Grund vieler Probleme zwischen den Geschlechtern in Missverständnissen. Reden Männer und Frauen unterschiedlich?

Onken: Ja. Weil Frauen einen anderen Bezug zur Welt und zu sich selbst haben als Männer.

Standard: Wie drückt sich das in der Kommunikation aus?

Onken: Frauen haben die Gewohnheit, ihre Befindlichkeiten, ihre innere Welt, mit in die Kommunikation einfließen zu lassen. Sie sind eher nicht geneigt, nur sachliche, logische Informationen durchzugeben. Sie erzählen gerne, wie es ihnen geht und was sie gerade beschäftigt, Frauen haben auch die Angewohnheit, ihre Denkprozesse mitzuteilen, also zu erzählen, wie sie zu einer Entscheidung gekommen sind, während Männer einfach die Dinge sagen, wie sie sind, ohne den Weg dahin zu beschreiben. Frauen finden diese Denkentwicklung so interessant, weil sie dabei Erfahrungen machen. Und darüber möchten sie sprechen. Der Mann versteht das nicht. Das ist ein ganz typisches Kommunikationsproblem.

Standard: Sie sagen, kommunikative Schwierigkeiten werden schon in der Kindheit geprägt. Wie können sie überwunden werden?

Onken: Ich denke nicht, dass es so sehr darum geht, sie zu überwinden, sondern sich dessen bewusst werden. Die erste Bezugsperson ist in der Regel die Mutter, die mit einer Tochter anders kommuniziert als mit einem Sohn. Viele Frauen erleben auch, dass der Partner sich mit der Geburt eines Kindes emotional entzieht. Da kommt dann der kleine Junge, der in die Bresche springt. Viele Mütter haben mit ihren Söhnen eine intensive emotionale Beziehung, die dazu führt, dass der Sohn für viele seelische Regungen gar keine Worte braucht, weil die Mutter eh darauf reagiert. Das kann man auch im späteren Leben weiterverfolgen, wie Ehefrauen auf unausgesprochene Befindlichkeiten des Mannes reagieren. Er muss nur einen Lall- oder Grunzlaut von sich geben, und sie kann es sofort dekodieren - und die Sekretärin auch. Diese Kommunikationsform wird dann ständig verfestigt, sodass der Mann nicht lernen muss, über seine Emotionen zu sprechen.

Standard: Wie kann man es als Mutter richtig machen?

Onken: Es sind eigentlich die Väter, die lernen müssten, diesen kommunikativen Bereich der Befindlichkeitsäußerung miteinzubeziehen. Am Vater lernt der Sohn ja, was Mannsein bedeutet.

Standard: Den Blick auf nachfolgende Mädchengenerationen gerichtet - sehen Sie eine Verbesserung?

Onken: Wir sind erst am Anfang. Es gibt bereits Rückschläge, etwa die Diskussion, dass die Buben eigentlich benachteiligt sind und den Mädchen zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Da ist noch ganz viel Bewusstseinsarbeit nötig.

Standard: Welche Chancen geben Sie Partnerschaften zwischen Mann und Frau unter diesen Voraussetzungen?

Onken: Man muss grundsätzlich die männlichen und weiblichen Rollen überdenken. Solange etwa Männer immer für das Grobe, die Drecksarbeit in die Welt hinausgeschickt werden, wird sich nicht viel ändern. Es ist unmöglich zu erwarten, dass Männer alles Grobe tun, ohne mit der Wimper zu zucken, und gleichzeitig über ihre Gefühle sprechen. Wenn ich möchte, dass mein Mann über seine Gefühle spricht, muss ich damit rechnen, dass er mir sagt: Es graust mich, den toten Vogel von der Windschutzscheibe wegzukratzen. Das bringt eine neue Dimension in die Beziehungen. Wo auch immer wir beginnen, uns bestimmter Zusammenhänge bewusst zu werden, kann sich auch etwas ändern.

Standard: Nützt da Paartherapie?

Onken: Ja, natürlich. Ich denke, man kann ganz viel selbst bearbeiten. Ich bedaure aber, dass Paare oft zu lange warten. Wenn die Kränkungen und Verletzungen nicht mehr aufgearbeitet werden, fängt man an, sich abzuschotten, zu schützen. Wenn die Liebe einmal gegangen ist, ist es auch in der Paartherapie ganz schwierig, das Schiff wieder flottzukriegen.

Standard: Der Feminismus der 68er-Generation scheint heute gegessen. Brauchen wir einen "neuen Feminismus", wie er derzeit debattiert wird?

Onken: Grundsätzlich ist es ein großer Fehler, die Bewegung des Feminismus herunterspielen zu wollen. Das ist übrigens eine typische Frauenkrankheit, dass sie immer wieder das Rad neu erfinden wollen. Wir brauchen keinen neuen Feminismus, es braucht einen Feminismus, der die Probleme der heutigen Zeit aufgreift. Zu denken, man hätte alles erreicht, ist ein großer Trugschluss.

Standard: Wo liegen die Probleme heute?

Onken: Das Problem beginnt, wenn die Frau Mutter wird. Wenn sie in die Abhängigkeit geht, weil der Mann gut genug verdient, dann kann man nur hoffen, dass es klappt. Wenn sie aber arbeiten will, hat sie ein großes organisatorisches Pensum zu leisten. Jede Frau, die vor diesem Problem steht, erfährt plötzlich, wovon die alten Feministinnen geredet haben.

Standard: Welche Form der Kommunikation ist in der Krise nötig?

Onken: So wahrhaftig, so ehrlich und klar wie möglich sagen, wie es einem geht, und zwar in Ich-Botschaften und nicht in Du-Botschaften. Wenn man in der Krise noch mit Hintergedanken und Strategien operieren will, wird es nicht hilfreich sein. ( Die Fragen stellten Karin Krichmayr und Bettina Stimeder, DER STANDARD, Print, 4.3.2009)

  • Zur Person:
Julia Onken (66) ist Psychologin und Therapeutin. Die
Schweizer Autorin zahlreicher Bestseller-Ratgeber leitet das
Frauenseminar Bodensee und hält seit vielen Jahren Ausbildungs- und
Paarseminare.
    foto: standard

    Zur Person:
    Julia Onken (66) ist Psychologin und Therapeutin. Die Schweizer Autorin zahlreicher Bestseller-Ratgeber leitet das Frauenseminar Bodensee und hält seit vielen Jahren Ausbildungs- und Paarseminare.

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