Schleierhafte Einblicke

3. März 2009, 17:00
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Der deutsche DAV Summit Club bietet Reisen für Frauen in den Iran, die private Einblicke in das Leben der Iranerinnen gewähren

Ein Symbol für die Unterdrückung der Frau, der Inbegriff geheimnisvoller Weiblichkeit, Provokation, Pflicht, Bekenntnis zur Religion - der Schleier lässt viele Interpretationen zu. Tatsächlich gelingt es EuropäerInnen aber kaum oder gar nicht, einen Blick hinter diese Kulisse der arabischen Frau zu werfen und etwas über das tatsächliche Leben zu erfahren. Oft halten auch Vorurteile, nicht näher definierte Ängste oder Unkenntnis davon ab, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Wer es dennoch wagt, taucht ein in eine Welt, die zwar trotz allem geheimnisvoll bleibt, mit ihren Regeln und Gesetzen, Bräuchen und Traditionen, sich aber letztendlich als nicht so sehr verschieden von der unsrigen herausstellt. Die arabische Frau hat im Grunde die gleichen Ängste und Sorgen, Wünsche und Hoffnungen wie die Europäerin.

Großes Interesse am Jemen

Eine Möglichkeit der Annäherung beider Kulturen bietet sich auf einer Reise in den Iran, die sich speziell an Frauen richtet. "Wir haben bereits im Vorjahr eine Reise in den Jemen veranstaltet, die sehr viel Erfolg hatte", erklärt Christoph Thoma vom DAV Summit Club in Deutschland, einer 100%igen Tochter des Deutschen Alpenvereins und zugleich die größte Bersteigerschule der Welt. Die Klientel sei vorhanden und das Interesse groß. "Daher haben wir uns entschlossen, diese Jahr eine weitere Reise zu machen und zwar in den Iran", so Thoma weiter.

An der Jemen-Reise vor einem Jahr nahmen Frauen zwischen 25 und 60 teil, die vor allem eines suchten: die Gesellschaft von anderen Frauen. "Offensichtlich wollen viele Frauen nicht nur und immer mit Männern auf Wanderreisen gehen, da sich unter Männern schnell ein Wettkampf entwickelt darüber, wer schneller am Ziel ist. Nicht alle Frauen wollen dabei mitmachen. Außerdem suchen Frauen mehr das Gespräch miteinander und die Themen sind andere, wenn Frauen gemeinsam verreisen. Der gesamte Tagesablauf, die Interessen und das Betätigungsfeld innerhalb einer Frauengruppe ist ein völlig anderes, als wenn Männer mit dabei sind", erläutert Thoma den Erfolg der Reise in den Jemen.

Zutritt verboten für Männer

Bei der Reise in den Iran geht es zudem in die Frauengemächer, wo Männer, aufgrund der strengen Gesellschaftsnormen, keinen Zutritt haben. So lernen die Reisenden die Privatsphäre der Iranerinnen kennen, erfahren direkt vor Ort, wie sich der Alltag einer iranischen Hochschullehrerin gestaltet und welche Aufgaben eine Nomadin zu erledigen hat. Allerdings agieren die Europäerinnen dabei nicht als Beobachterinnen, sondern sie treten in den direkten Dialog mit den Iranerinnen.

"Sprachbarrieren gibt es natürlich. Meistens kommt man mit Englisch oder Französisch ganz gut durch. Schwierigkeiten gibt es bei den Nomadenfrauen, die in der Regel keine Fremdsprachen sprechen - oder wenn die europäischen Frauen kein Englisch beherrschen. Aber für den Fall kann die Reiseleitern, Berti Spießl, einspringen", sagt Thoma. Spießl hat schon seit vielen Jahren einen Zweitwohnsitz im Jemen, in Sanaa und genießt bei der dortigen Bevölkerung größtes Vertrauen. Sie ist bestens vertraut mit der arabischen Gesellschaft, und so öffnen sich ihr Türen, die den meisten Menschen, die von außen kommen, verschlossen bleiben. Der Besuch bei einem Nomadenstamm etwa, ermöglicht tiefe Einblicke in den Alltag der Menschen, die noch heute in uralter Hirtentradition leben. Wenn die Frauen zum Tee in das Zelt aus Ziegenhaar bitten, wird der Schleier abgelegt. In Begleitung von Männern wäre das undenkbar.

Das Symbol der Unterdrückung schützt

So haben die Frauen die Möglichkeit, eine Welt zu entdecken, die sich männlichen Besuchern niemals öffnen wird. Weberinnen erzählen von ihrem Arbeitsalltag, einige Frauen besitzen sogar kleine Läden, aus deren Erlös sie das Familieneinkommen unterstützen. "Aber das ist immer noch die große Ausnahme", erzählt Thoma. Für gewöhnlich gehen die Frauen auf dem Land keiner Erwerbstätigkeit nach.

Wer sich nun bereits in lange, schwarze Stoffbahnen gehüllt durch die Wüste stapfen sieht, irrt. "Die europäischen Frauen müssen weder Schleier, noch Burka noch Kaftan tragen. Das einzige, was vorausgesetzt wird ist, dass sie nicht in Minirock oder Shorts, mit kurzen Ärmeln oder im Stretchkleid auf die Straße gehen. Aber das verlangen schon der Respekt und die Höflichkeit gegenüber den Gastgebern", so Thoma zu den Grundvoraussetzung einer Reise in den Iran. "Dass Frauen nicht einfach beim Freitagsgebet in eine Moschee marschieren können, sollte auch jedem klar sein. Man muss sich eben den Gastregeln anpassen.

Aber dafür erfährt man auch die Einmaligkeit arabischer Gastfreundschaft - die Menschen beschützen einen mit dem eigenen Leben!", sagt Thoma, der selber schon mehrere Reisen in den Jemen und Iran unternommen hat. Für die arabische Frau sei der Schleier weniger ein Symbol der Unterdrückung als viel mehr ein Schutz vor taxierenden Blicken. "Frauen haben mir erklärt, dass sie unter ihrer Burka einen Trainingsanzug oder auch überhaupt nichts tragen können - es mache keinen Unterschied. Und zuhause können sie ohnehin tragen was sie wollen, da unterscheidet sich die arabische Frau wenig von der europäischen", erzählt Thoma.

Wandern, reden, lernen

Die Reise in den Iran wird heuer zum ersten Mal organisiert, die Gruppe besteht dabei aus maximal fünfzehn Frauen. Hauptaugenmerk liegt auf jeden Fall in der Begegnung der Frauen untereinander, aber auch Kultur, Natur und Kulinarik sind fixe Bestandteile der zweiwöchigen Reise in den Orient. "Es wird viel gewandert, allerdings ohne dass diese Wanderungen in einen Wettstreit ausarten", so Thoma. Maximal sieben Stunden dauert eine Tageswanderung, Garantie für eine Begegnung mit iranischen Frauen gibt es naturgemäß keine. "Es kommt auf die Chemie an. Wenn sich zwei Frauen leiden können, werden sie sich viel zu sagen haben. Wenn nicht, dann wird es nicht viel Austausch geben", sagt Thoma.

Erzwingen lassen sich auch hier Freundschaften nicht. Aber es bietet sich zumindest die Möglichkeit, Barrieren abzubauen und Vorurteile oder Ängste zu verstreuen, die sich in den meisten Fällen vermutlich ohnehin als unbegründet herausstellen werden. (red)

Informationen:
DAV Summit Club

  • Als europäische Frau kann man, vorausgesetzt man versteht es, Türen zu öffnen, den Iranerinnen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Für Männer ist das nicht möglich.
    foto: dav summit club

    Als europäische Frau kann man, vorausgesetzt man versteht es, Türen zu öffnen, den Iranerinnen auf gleicher Augenhöhe begegnen. Für Männer ist das nicht möglich.

  • Der Alltag der iranischen Frau ist von Arbeit bestimmt.
    foto: dav summit club

    Der Alltag der iranischen Frau ist von Arbeit bestimmt.

  • Die Reiseroute führt zu einigen der interessantesten Orte und Plätze des Iran.
    foto: dav summit club

    Die Reiseroute führt zu einigen der interessantesten Orte und Plätze des Iran.

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