"Die letzten CDs habe ich vor fünf Jahren gekauft"

3. März 2009, 14:42
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Pirate-Bay-Mitbegründer Magnus Eriksson im WebStandard-Interview über die Zukunft der Musikindustrie

Pirate-Bay-Mitbegründer Magnus Eriksson ist zuversichtlich, dass der Prozess gegen den BitTorrent-Tracker nicht das Ende für Filesharing bedeuten wird. Im derStandard.at-Interview denkt er über die Zukunft der Musikindustrie nach. Geld werde sich nicht mit Musik und Filmen allein verdienen lassen, dafür aber mit Kino- und Konzertbesuchen. Eine „Kultur-Flatrate" würde Subventionen für die Pornoindustrie bedeuten, sagt Eriksson im Gespräch mit Markus Peherstorfer.

 

derStandard.at: Was war die letzte CD, die Sie so richtig in einem Geschäft gekauft haben?

Eriksson: Meine letzten CDs habe ich in Frankreich gekauft. Ich kann mich nicht mehr erinnern, von wem das genau war, es ist wahrscheinlich so ungefähr fünf Jahre her.

derStandard.at: Beinahe die gesamte Musik, die Sie hören, stammt vermutlich aus Internet-Downloads?

Eriksson: Internet-Downloads, Dateien, die ich von Freunden bekomme; aber oft gehe ich auch einfach auf Youtube oder auf Stream-Portale, um mir einen Song anzuhören.

derStandard.at: Was war eigentlich die Idee dahinter, The Pirate Bay zu gründen?

Eriksson: Naja, wir hatten ungefähr sechs Monate vorher Piratbyrån gegründet. Der Grund dafür war, dass wir mitbekommen hatten, dass die Medien nur über Presseaussendungen der Anti-Piraterie-Organisationen berichteten. Und wir wussten, dass die so nicht stimmten und nicht unseren Erfahrungen entsprachen. Es gab in Schweden diese Gruppe namens Antipiratbyrån. Wir haben diesen Namen genommen, das „Anti" gestrichen und gesagt, wir sind jetzt das Piratenbüro und sprechen für uns selber.

Aber die Pirate Bay zu gründen, das war zuerst als Experiment gedacht. Die BitTorrent-Technik war damals neu, das war sehr effizient, was den Datentransfer betrifft, aber auch rechtlich interessant: Denn da übergibt niemand mehr eine ganze Datei an jemanden anderen, sondern die Leute tauschen alle nur Teile von Dateien aus. Wir wollten das online stellen und damit sagen: Seht her, es wird immer neue Filesharing-Protokolle geben, bei denen es immer schwieriger werden wird, nachzuvollziehen, was die einzelnen Leute machen.

derStandard.at: Piratbyrån, die Mutterorganisation von The Pirate Bay, ist eine Lobbygruppe, die den derzeitigen Urheberrechtsbestimmungen kritisch gegenübersteht. Wie sollten die Gesetze über geistiges Eigentum nach den Vorstellungen von Piratbyrån aussehen?

Eriksson: In Wirklichkeit verbringen wir nicht so viel Zeit damit, zu versuchen, die Gesetze zu ändern. Stattdessen konzentrieren wir uns darauf, zu zeigen, was sich schon geändert hat durch das Filesharing, wie sich die Beziehung der Menschen zu Musik und Kultur geändert hat, und wie man die Ökonomie der Musik zum Beispiel verändern kann.

derStandard.at: Wie kann man sie verändern?

Eriksson: Eines der Dinge, die wir am interessantesten finden, ist: Das Problem ist nicht mehr, wie man Zugang zu Dateien bekommt, sondern dass die Leute zu viel davon haben, dass mehr verfügbar ist, als man jemals konsumieren kann. Wie kann sich also überhaupt auch nur irgendeine Art von Markt entwickeln, wenn jeder auf unbegrenzte Mengen an kostenloser digitaler Information zugreifen kann? Uns interessiert: Was bringt Menschen dazu, mehr als nur eine digitale Datei zu wollen? Welche Rolle spielt Gemeinschaft, welche Rolle spielen Live-Erlebnisse offline?

In Sachen Gesetzgebung ist unsere oberste Priorität, dass die Maßnahmen gegen Piraterie, wie wir sie heute erleben, aufhören müssen, denn die sind nur destruktiv und werden so lange ihr Ziel nicht erreichen, bis wir eines Tages ein reguliertes Internet haben.

derStandard.at: Die Musikindustrie hat den DRM-Kopierschutz gestoppt, immer öfter gibt es Möglichkeiten für legale Downloads - ist das ein Sinneswandel der großen Konzerne?

Eriksson: Ich fürchte, dass wir es mit zwei parallelen Entwicklungen zu tun haben. Auf der einen Seite sind gerade kleinere Unternehmen aus der Branche offen für neue Arten, im Internet ein Geschäft zu machen. Auf der anderen Seite sind einige Leute völlig fixiert auf den Anti-Piraterie-Kampf. Vielleicht ist ja der Pirate-Bay-Prozess für die der letzte Schlag und sie merken dann, dass sie was ändern müssen.

derStandard.at: Wie wird die Zukunft der Film- und Musikindustrie aussehen? Wie kann sie sich im Zeitalter kostenloser Downloads noch finanzieren?

Eriksson: Wir hätten ein echtes Problem, wenn die Leute nur daran interessiert wären, gute Musik zu hören oder zwei Stunden einen Film anzusehen. Das kann man immer gratis haben - entweder durch Filesharing, was immer schwieriger aufzuhalten sein wird, oder weil immer mehr Künstler ihre Werke gratis zur Verfügung stellen, weil sie in der allgemeinen Informationsflut nur so eine Chance haben, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Aber solange die Menschen mehr als das haben wollen, lässt sich ein Markt aufbauen. Zum Beispiel beim Film: Wenn die Menschen ein Gemeinschaftserlebnis schätzen und man bessere Wege dafür findet als das derzeitige Kino, werden die Leute dafür zahlen. Oder in der Musik über Livekonzerte und Fanartikel. Die Leute sind sehr wohl bereit, dafür zu bezahlen. Vielleicht werden 90 Prozent der Menschen die Musik nur gratis hören. Aber wenn es gelingt, die anderen, enthusiastischen zehn Prozent zu finden, werden die genug zahlen, damit man davon leben kann.

Bei der Software ist es ja genauso: Skype etwa ist ein Gratisprogramm und vielleicht 99 Prozent der Leute nutzen Skype gratis, um mit anderen Skype-Nutzern zu telefonieren. Aber ein paar wenige zahlen, weil sie die Premiumversion wollen, mit der man auch Mobiltelefone anrufen kann. Die Firma selbst kostet es nichts, den anderen 99 Prozent Skype gratis zur Verfügung zu stellen, die verlieren damit kein Geld. Im Gegenteil: Diese Leute werden über Skype reden und damit den Bekanntheitsgrad steigern und andere Menschen dazu bringen, das Programm auch nutzen zu wollen. Bei der Musik ist es genauso.

derStandard.at: Es wird auch immer wieder das Modell diskutiert, die Musik- und Filmschaffenden mit einer „Kultur-Flatrate" zu entschädigen. Dabei würde aus einem großen öffentlichen Topf Geld an die Künstler ausgeschüttet, und zwar je nachdem, wie populär sie bei den Downloads sind. Wäre das ein denkbares Modell?

Eriksson: Ich bin da sehr skeptisch. Zunächst stellt sich einmal die Frage nach dem Wert von Musik. Es gibt ja dann auch die Filmindustrie, die einen Teil vom Kuchen will. Und ein großer Teil von den Filmen, die runtergeladen werden, sind Pornografie. Das hieße dann, dass ein erheblicher Teil dieses Geldes an Porno-Produzenten gehen müsste, und ich glaube, dass das niemand will.

Abgesehen davon ist die Zahl der Downloads kein taugliches Maß, um Geld zu verteilen. Das ist eine Art von Kulturpolitik, und ich glaube, dass es eine schlechte Kulturpolitik ist. Das ist die Aufforderung, Songs zu schreiben, die jedem zusagen, die jeder schnell runterlädt, schnell anhört und gleich wieder vergisst. Und dann noch so einen Song und noch so einen. Das kann nicht das Ziel der Kulturpolitik sein. Es wäre vielleicht lohnender, nachhaltig in die Infrastruktur der Musik zu investieren, in musikalische Ausbildung, in Proberäume und Aufnahmestudios. Wenn es hier ein besseres Angebot gäbe, wäre es für viele junge Musiker leichter, ihre Produktionen zu finanzieren.

derStandard.at: Apropos finanzieren: Wie finanziert sich eigentlich The Pirate Bay?

Eriksson: Durch Werbung.

derStandard.at: Läuft das gut?

Eriksson: Keiner von den Leuten, die The Pirate Bay betreiben, macht das als Hauptberuf. Aber die Werbung deckt die Kosten. Es ist natürlich ein bisschen schwer in manchen Branchen, Werbekunden zu finden. Walt Disney wird bei uns nicht so schnell inserieren. (derStandard.at, 03.03.2009)

  • Pirate-Bay-Mitbegründer Magnus Eriksson Ende Februar bei einer
Podiumsdiskussion in Salzburg. Der Prozess gegen vier seiner
Mitstreiter werde richtungsweisend sein, sagte er.
 
Zur Person: Der Schwede Magnus Eriksson war 2003 einer der Mitbegründer
des Piratenbüros (Piratbyrån), einer Lobbyorganisation gegen das
derzeitige Urheberrecht. Bekanntheit erlangte Piratbyrån vor allem
durch die von der Organisation betriebene Plattform The Pirate Bay, die
mittlerweile zum größten BitTorrent-Tracker weltweit angewachsen ist.

    Pirate-Bay-Mitbegründer Magnus Eriksson Ende Februar bei einer Podiumsdiskussion in Salzburg. Der Prozess gegen vier seiner Mitstreiter werde richtungsweisend sein, sagte er.

     

    Zur Person: Der Schwede Magnus Eriksson war 2003 einer der Mitbegründer des Piratenbüros (Piratbyrån), einer Lobbyorganisation gegen das derzeitige Urheberrecht. Bekanntheit erlangte Piratbyrån vor allem durch die von der Organisation betriebene Plattform The Pirate Bay, die mittlerweile zum größten BitTorrent-Tracker weltweit angewachsen ist.

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