Philip José Farmer 1918 - 2009

3. März 2009, 16:57
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Im Alter von 91 Jahren ist in der vergangenen Woche einer der prominentesten Science Fiction- und Fantasy-Autoren des 20. Jahrhunderts gestorben: Philip José Farmer, dessen Name in erster Linie mit dem "Flusswelt"-Zyklus verknüpft wird, hat in beinahe sechs Jahrzehnten schriftstellerischer Tätigkeit über 75 Romane und unzählige Kurzgeschichten veröffentlicht; mehrfach wurde er mit dem Hugo-Preis ausgezeichnet.

Vom Tabubrecher zum Demiurgen

Die Autorenkarriere des am 26. Jänner 1918 in North Terre Haute, Indiana, geborenen Farmer begann 1952 mit einem Paukenschlag: Seine erste veröffentlichte Erzählung "The Lovers" brach in der ultraprüden Science Fiction jener Tage mit dem Tabu der Darstellung von Sexualität (und brachte ihm seinen ersten Hugo ein). Spätere Werke ("Mother", "Image of the Beast", "Flesh") griffen das Thema ebenfalls auf - für sein Gesamtwerk ist es jedoch weniger repräsentativ als die Darstellung von Gewalt, geht es in Farmers Erzählungen doch meistens ziemlich deftig zur Sache. Als sich in den 60ern mit der New Wave eine neue Strömung innerhalb der Science Fiction durchzusetzen begann, war es mit inhaltlichen oder stilistischen Tabus ohnehin vorbei - Farmer widmete sich in der Folge den Stärken, die ihn bis heute auszeichnen: der Schilderung rasanter Abenteuer und dem Erschaffen fantastischer Welten an der Grenze von Science Fiction und Fantasy. Anders als Hard SF-Autoren interessierte ihn die physikalische "Machbarkeit" dieser Welten nicht (meistens verwies er auf eine nicht näher spezifizierte Supertechnik, mit der sie erschaffen worden seien), in Sachen Imagination kam ihm jedoch kaum ein anderer Autor gleich.

Prototypisch dafür sind die beiden Romanzyklen, die zu Farmers populärsten Werken wurden: In "World of Tiers" (1965 - 1977) bewegen sich die ProtagonistInnen durch eine Reihe paralleler "Taschenuniversen", die von Unsterblichen nach ihrem persönlichen Geschmack geschaffen wurden; "unsere" Welt entpuppt sich im Laufe des Zyklus als eine dieser künstlichen Schöpfungen. Und während die bizarren Kunstwelten hier in erster Linie als exotische Kulisse für Verfolgungsjagden dienten, kamen in der nicht minder fantastisch konstruierten Flusswelt des "Riverworld"-Zyklus (1971 - 1983) noch grundlegende philosophische Aspekte hinzu; Teil 1 des Zyklus ("To Your Scattered Bodies Go") wurde ebenfalls mit dem Hugo ausgezeichnet. Dennoch waren es nicht immer topographische Besonderheiten, die Farmers Welten auszeichneten: Der "Dayworld"-Zyklus (1985 - 1990) entwarf eine Gesellschaft, die das Problem der Überbevölkerung auf eine ungewöhnliche Weise gelöst hat: Jeder Mensch darf nur einen Tag in der Woche ein aktives Leben führen, die übrigen sechs muss er in Stasis verbringen - wodurch sich auf der Erde sieben langsam auseinander driftende Kulturen entwickeln.

Charakteristische Motive

Oft beschrieb Farmer seine Hauptfiguren als überlegene Menschen der Tat, hochintelligent, umfassend gebildet und körperlich jeder Herausforderung gewachsen - der auf der Flusswelt wiedergeborene Abenteurer Richard Francis Burton kann als Paradebeispiel dafür gelten. Gerne schickte Farmer seine Helden auch aus der Gegenwart in eine fremd gewordene Erde der fernen Zukunft ("The Wind Whales of Ishmael", "The Stone God Awakens") und scheute sich auch nicht bis ans Ende aller Zeiten zu gehen. Auch hier konnte ein tatkräftiger Akteur dem scheinbar unvermeidlichen Untergang aber noch ein Schnippchen schlagen und die Hoffnung auf eine Zukunft bewahren - wie Deyv in "Dark Is The Sun", der sich von der sterbenden Erde in ein junges Universum rettet.

Farmer war stark von den Pulps seiner Jugendzeit beeinflusst, und manche Werke seines umfangreichen Schaffens gingen auch nicht wesentlich über deren Niveau hinaus. Öfter jedoch griff er die Ideen von Autoren wie Edgar Rice Burroughs auf, um sie zu etwas Größerem, Besserem ... und durchaus auch Humorvollerem zu machen - bis hin zu Genre-Parodien. Überhaupt spielte Farmer gerne mit historischen und literarischen Verweisen. Er schrieb fiktive Biografien von Tarzan und Doc Savage oder "Fortsetzungen" zu Romanen der Weltliteratur. Die "Wind Whales of Ishmael" etwa versetzen den einsamen Überlebenden aus Melvilles "Moby Dick" in die fernste Zukunft, "The Other Log of Phileas Fogg" baut auf Jules Vernes "Reise um die Welt in 80 Tagen" auf und "A Barnstormer in Oz" auf L. Frank Baums berühmtem Märchenbuch. Seinen gewitztesten Coup in Sachen literarische Aneignung landete Farmer unter dem Pseudonym "Kilgore Trout": Ein fiktiver Science-Fiction-Schriftsteller, der mehrfach in Werken Kurt Vonneguts auftaucht ... und den Farmer postwendend zur "realen" Person machte, indem er in seinem Namen den Roman "Venus on the Half-Shell" veröffentlichte.

Beeindruckendes Erbe

Über 40 Jahre hinweg war Farmer ungebrochen literarisch aktiv - erst in den 90ern begann sich sein Output allmählich zu verringern. Zwar gab es immer noch eine Reihe von Publikationen, doch waren es meist Kurzformate, ergänzende Episoden zu früheren Werken, Essays (eines davon selbstironisch "I Still Live!" betitelt) oder Gemeinschaftsarbeiten mit anderen Autoren. 2007 erschien "The City Beyond Play" mit Koautor Danny Adams, für Herbst diesen Jahres war "The Evil in Pemberley House" mit Win Scott Eckert angekündigt.

Philip José Farmer starb in der Nacht auf den 25. Februar in Peoria, Illinois, friedlich im Schlaf, wie es auf seiner Website heißt. Er hinterlässt seine Frau Bette, zwei Kinder und eine Reihe von Enkeln und Urenkeln - sowie ein imposantes Gesamtwerk, das sich auch nach Jahrzehnten noch ungebrochener Popularität erfreut. Mit ihm verliert die Science Fiction einen ihrer produktivsten und eigenwilligsten Autoren. Und ihren vielleicht fantasievollsten Weltenschöpfer. (Josefson)

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