Aushandeln, wie gelernt werden soll

3. März 2009, 11:24
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Die Initiative "Cool" bringt neue Konzepte des Unterrichts ins Spiel, bei denen Lehrer und Schüler kooperieren

Steyr/Wien - "Es geht nicht allein um Methoden, sondern um eine Haltung. Die Haltung, den Schülern das Wort zu geben und Lehrer als Coaches und Begleiter zu sehen." Der Biologielehrer der Handelsakademie Steyr, Georg Neuhauser, hat sich in den Neunzigerjahren mit einer Gruppe von Lehrern auf die Suche nach neuen Zugängen für den Unterricht gemacht, nachdem ihm die Methodenvielfalt vor allem an berufsbildenden Schulen mangelhaft zu sein schien.

Aus der Lehrerinitiative entstand 1996 der Schulversuch Cooperatives Offenes Lernen, kurz "Cool".

"Die Schüler sitzen und lauschen: Diese Art der Wissensvermittlung ist nicht zielführend", meint BWL-Lehrer und Cool-Mitbegründer Josef Kaindl über das Prinzip "Frontalunterricht". Dass dieser nichts per se Schlechtes sei, betont Neuhauser: für instruktive Arbeit sei er fast unumgänglich. "Aber wenn es ins Kerngeschäft geht, dann ist es sinnvoll, wenn Schüler sich selbst auf die Suche begeben."

Räume als dritte Pädagogen

Neben "handlungsorientiertem Lernen" seien die Räumlichkeiten eine weitere wichtige Grundlage des Konzepts, denn "die Räume sind neben Schülern und Lehrern die dritten Pädagogen. Wenn man sich österreichische Schulen anschaut, vergeht es einem ja richtig", kritisiert Neuhauser. "Schulen müssen Räume für das Lernen und das Leben werden."

Es sollen Beziehungen geschaffen werden, so dass auch der Lehrer Wissen vom Schüler erwerben kann, wenn "der sich in ein Thema so sehr eingearbeitet hat", beschreibt Neuhauser. "Da wird auf einmal Partnerschaftlichkeit zum Thema. Das verändert die Schule."

Der Schulversuch baut auf dem normalen Schulwesen auf. Kaindl kritisiert den regulären Unterricht dabei insofern, als dass er sich statt einzelner Stunden vermehrt Projekte wünschen würde.

Neuhauser zufolge gehe es eher darum, dass Lehrer Grenzen setzen, dies jedoch im aktiven Kontakt mit den Schülern im Sinne einer "beidseitigen Vereinbarung". In der Unterrichtspraxis sieht das so aus, dass an die Schüler fächerübergreifende Arbeitsaufträge verteilt werden, auf denen die einzelnen Aufgaben aufgelistet sind.

Die 18-jährige Mira Reisinger ist Schülerin im System des Cooperativen Offenen Lernens. Sie erklärt, wie der Arbeitsvorgang einer regulären Cool-Stunde abläuft: "Man setzt sich in Gruppen - die Schülerzahl ist vorgegeben - zusammen und überlegt, was man machen muss." Die Rolle des Lehrers werde dadurch stark verändert, er sei als Beantworter von Fragen da, so Reisinger.

Auch das Abschließen von "Lernverträgen" ist ein Element der Arbeitsweise, erklärt Neuhauser. Dabei könnten die Schüler selbst entscheiden, ob sie "allein oder mit anderen gemeinsam arbeiten wollen."

Aber auch in der Idee des Cooperativen Offenen Lernens sieht Reisinger Lücken. Das Schwierige sei, dass diese Art zu unterrichten nicht in jedem Fach anwendbar ist: "In Mathematik zum Beispiel geht das nicht." Auch hat sie Verständnis dafür, dass nicht alle Schüler mit Cool zufrieden sind. "Es gibt einfach Menschen, die im Frontalunterricht besser lernen."

Neuhauser fordert, "dass Lehrer auch erkennen müssen, dass es Sinn macht, mehr Zeit in der Schule zu verbringen und diese Zeit nützen, um gemeinsam Arbeitsaufträge zu erarbeiten, den Unterricht zu reflektieren und sich Gedanken darüber zu machen, wie man das noch verbessern könnte." (Bath-Sahaw Baranow/DER STANDARD Printausgabe, 3. März 2009)


 

Wissen: Cooler Unterricht

Bereits in den 1920er-Jahren entwickelte Helen Parkhurst den Daltonplan. Seine Hauptsäulen sind Freiheit, Verantwortung, Kooperation und Selbstständigkeit. Cool baut darauf auf.

Der Schulversuch steht für mehr Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Kooperation im Unterricht. Lehrer arbeiten in Klassenlehrerteams und Schüler an fächerübergreifenden Aufgaben.

Evaluation wird viel Platz eingeräumt. Schüler sprechen im Klassenrat über Anliegen, und auch Eltern werden einbezogen.

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