STANDARD-Interview

"Lehrer sind nicht die Ersatzeltern der Nation"

03. März 2009 11:18
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    "Bosheit ist kein Lebenszweck", mahnt die Geschichte von Max und Moritz.

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    Laut Josef Kraus ist die Kritik an Lehrern und Schulsystem in Deutschland schon zum "Volkssport" geworden.

Lehrer sind mit Reparaturaufgaben der Gesellschaft überfordert, sagt Josef Kraus, Chef des deutschen Lehrer- Dachverbands für Lehrer

Politiker sollten sich schützend vor die Lehrer stellen, sagt er im Interview mit Nermin Ismail.

*****

SchülerStandard: Geht es nach Unterrichtsministerin Claudia Schmied, sollen Lehrer zwei Stunden mehr unterrichten, ohne zusätzlich dafür bezahlt zu werden.

Josef Kraus: Das ist wieder ein typisches Beispiel von Geringschätzung der Lehrer.

SchülerStandard: Viele Lehrer sehen sich in dieser Debatte als Fußabstreifer der Nation, erkennen Sie darin ein Körnchen Wahrheit?

Kraus: Das ist rhetorisch zugespitzt, aber Lehrer haben in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass immer mehr gesellschaftliche Reparaturaufgaben an die Schule delegiert werden. Es sind Aufgaben, die in der Familie erledigt werden müssten. Die Gesellschaft will das delegieren, um es sich einfacher zu machen, überfordert aber damit die Schule. Dadurch kommt der Bildungsauftrag an Schulen mehr und mehr zu kurz.

SchülerStandard: Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

Kraus: Gerade im deutschsprachigen Raum kommt hinzu, dass es unter Politikern und Wirtschaftsführern, auch unter Elternvertretern in den letzten Jahren zum Volkssport geworden ist, die Schule für alle Fehlentwicklungen in der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Führende Politiker haben sich äußerst verächtlich über Lehrer geäußert, wie Exbundeskanzler Gerhard Schröder. Das hat zur Folge, dass die Autorität des Lehrerberufs gelitten hat und immer mehr Leute, auch Eltern, meinen, in dieses Horn stoßen zu müssen.

SchülerStandard: Sehen Sie da Unterschiede zu Österreich?

Kraus: Ich sehe große Parallelen, was die Überforderung der Lehrerschaft betrifft. Ich habe allerdings nicht den Eindruck, dass die ganz gehässigen Aussagen über Lehrer, die wir in Deutschland erleben, in Österreich schon getätigt wurden.

SchülerStandard: Was genau erwarten Sie da von Politikern?

Kraus: Führende Politiker sollten sich schützend vor die Schule stellen. Ich erwarte, dass sie zur Kenntnis nehmen, wie schwierig die Aufgabe von Schule geworden ist - unter dem Einfluss eines Medienbombardements und einer immer schwächeren Erziehungsbereitschaft in den Elternhäusern.

SchülerStandard: Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Aufgaben eines Lehrers?

Kraus: Im Zentrum muss die Vermittlung von Wissen stehen, das kann nicht durch sozialpädagogische Aufgaben verdrängt werden. Lehrer haben natürlich auch die Aufgabe zu erziehen, aber sie sind nicht dazu da, die Ersatzmütter oder -väter einer Nation zu spielen.

Es gibt in jedem Berufsstand Spitzenleute und eine breite leistungsfähige Mitte, und es gibt in jedem Berufsstand schwarze Schafe, nicht alle Lehrer sind Heilige und Helden zugleich.

SchülerStandard: Teilen Sie die Meinung, dass Schüler verstärkt ihre Lehrer bewerten sollten?

Kraus: Ich glaube, Schüler sind überfordert, richtig einzuschätzen, was in der Schule stattfinden muss.

SchülerStandard: Wie sehen Sie die Zukunft der Lehrer und welche Erwartungen haben Sie diesbezüglich an die Regierung?

Kraus: Zunächst, dass die Regierenden dafür sorgen, dass Eltern ihren Verpflichtungen gerecht werden. Wir kriegen keine Bildungsoffensive hin ohne häusliche Erziehungsoffensive. Ferner, dass sie für genügend und gut qualifizierten Lehrernachwuchs sorgen. Und dass wir Rahmenbedingungen bekommen, die ein ertragreiches Arbeiten möglich machen, was die Stärke der Klassen, Arbeitsregelungen sowie Lehrpläne und Sanktionsmöglichkeiten betrifft. (DER STANDARD Printausgabe, 3. März 2009)

Zur Person

Josef Kraus (geb. 1949 in Kipfenberg, Deutschland) absolvierte ein Lehramtsstudium in Deutsch und Sport. Seit 1987 ist er Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

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Posting 1 bis 25 von 65
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Die Seifenblase
27.08.2009 11:49
Ich glaube, Schüler sind überfordert, richtig einzuschätzen, was in der Schule stattfinden muss.

genau. ich bin überfordert. hilfe. geht ja eh nicht um mich und meine zukunft. was soll ich da schon selbst bestimmen können?
danke! ...

Penelope Ody
17.03.2009 13:16
Hoffentlich liest das UM SChmied

...dieser Mann spricht in großer Dichte Wahrheiten und Tatsachen aus, die ich bisher in der Diskussion vermisst habe, DANKE!!

manuel neumann
19.03.2009 15:03
Lehrer

Sind wirklich die nicht zu beneiden auch wenn sich das so manch ein Österreicher denkt und vor neid zerplatzt weil Lehrer angeblich mehr urlaub haben. Wenn ich mir Leser Kommentare aus der Kronen Zeitung ansehe kommt mir das Kotzen

mattk
16.03.2009 16:57
Lehrer sein

bedeutet klarerweise, als einziger Erwachsener mit einer mehr oder weniger großen Gruppe Kinder zusammen zu sein und daher mit allen damit im Zusammenhang stehenden Problemen konfrontiert zu sein. Dass diese Probleme existieren und auf die eine oder andere Art immer wieder ausftreten werden, solllte eigentlich jedem klar sein.

Ein Lehrer, der meint, still dasitzenden Kindern bloß Wissen einlöffeln zu können und alles andere gehe ihn nichts an, hat eindeutig seinen Beruf verfehlt.

Li H.
 
05.03.2009 16:59
Lehrer sollen Wissen vermitteln


nicht mehr und nicht weniger.
Die Erziehung übernehmen die Eltern, so war es halt zu meiner Zeit.

Wir hatten Lehrer die noch gut vermittelten worauf es ankam, wir Kinder die Hausaufgaben locker ohne Nachhilfeunterricht geschafft haben.

Baerald
11.03.2009 14:10
...lang, lang ist´s her...

:-(

ich anonym
08.03.2009 01:34
von welcher zeit

reden sie? udn vor allem von welchem schulsystem?

susi J
05.03.2009 21:25

Sagen Sie das Bitte allen Eltern die ihre Kinder 6.00 spätesten 6.30 vor der Schule ohne Frühstück abladen und erwarten sie um 17.00 oder 18.00 vom Hort dann am besten " Bettfein" wieder zurückzubekommen.

Baerald
11.03.2009 14:12
Nichts hinzuzufügen - danke!

Li Knux
04.03.2009 12:20
"Eltern sind nicht die Ersatzlehrer der Nation"

40% brauchen nachhilfe ab der 3ten AHS. der stoff wird den kindern nur oberflächlich vermittelt, den stoff zu festigen leisten die lehrer nicht.
das würde zusätzlichen einsatz am nachmittag benötigen, den lehrer bspw. in finnland auch bereit sind zu leisten.

Elisabeth Irgendwer
05.05.2009 17:30
irrtum

eltern sind die ersatzlehrer der nation. wer sonst? wer sonst bringt das eigen kind weiter? es ist eine wissenschaftliche tatsache, dass förderungen zu einer höhreren entwicklung der intelligenz, des geistigen wachstums führen. und dafür bitte schön sind sie als elternteil zuständig, wenn sie sich auch noch so dagegen wehren. verdammt noch mal, was glauben sie eigentlich? glauben sie, dass in einer klasse mit bis zu 36 schülern eine individuelle förderung möglich ist? das bitteschön ist ihre aufgabe!!!

cjlpa
24.04.2009 13:03
40% aller AHS-Schüler...

... sind in einer AHS, weil ihre Eltern das so wollen, und nicht, weil ihre Intelligenz und/oder Begabung dafür ausreicht.

amadeus2003
21.03.2009 14:53
40%

der SchülerInnen, die Nachhilfe benötigen, sagen auf die Frage, warum sie nicht mitdenken, mitarbeiten und dergleichen: "Das muss ich nicht. Das erklärt mir ohnehin mein Nachhilfelehrer am Nachmittag noch einmal."

Quasslmodo
05.03.2009 17:10
Viele Kinder können nur mehr kurzfristig zuhören.

Da hilft auch die Wiederholung nichts, wenn die Scheuklappen herunten sind, wird welcher Stoff auch immer sich nicht festigen.

ich anonym
08.03.2009 01:35
vielleicht

sollte man schülern auf ihrer ebene entgegen kommen und nicht die gleichen methoden wie vor 150 jahren anwenden...

Elisabeth Irgendwer
05.05.2009 17:33
was soll diese unterstellung

dass lehrer heutzutage noch wie vor 150 jahren arbeiten? woher wissen sie, dass das so ist? ich gehe jetzt auch mal her, und unterstelle ihnen, dass sie ihr kind wie vor 150 jahren erziehen. ich hab zwar keinerlei anhaltspunkte oder beweise, aber ich kann auch mein maul aufreißen und unhaltbare behauptungen aufstellen - das fördert nämlich das miteinander und entspannt zu schön die bereits aufgeheizte situation.

ich anonym
05.05.2009 23:19
ich meinte damit

zB
http://derstandard.at/?url=/?id... 9725182701

und wenn ich jetzt eine über die rübe krieg von wegen 'nicht die tools machens sondern die art des unterrichts, etc' kann ich nur antworten: vom frontalunterricht haben wir uns ja auch noch nicht wirklich weit weg bewegt oder?

GoodieGoodie
04.03.2009 15:15

40 Prozent der Schüler in der AHS brauchen deshalb Nachhilfe, weil sie in der falschen Schule sitzen!
Es sind eben nicht alle Kinder für eine AHS geeignet!

Und das soll keinesfalls ein Argument für die Einführung der Gesamtschule sein!!! Im Gegenteil! Die Kinder, die für eine AHS geeignet sind, sollen diese auch besuchen dürfen!!!

Penelope Ody
17.03.2009 13:17
....genau so ist es !!!

Li Knux
04.03.2009 17:34

nein, es ist falsch zu schließen, dass die 40 prozent automatisch dem anteil der schwächeren entsprechen. es sind diejenigen die sich unterstützung zur vertiefung leisten können.
eine ungerechtigkeit, die bspw. in finnland, wo die lehrer für wenig geld länger arbeiten und auch die vertiefung des stoffes am nachmittag leisten, nicht passiert.

Penelope Ody
17.03.2009 13:19
Falsch

Die finnischen Lehrer verdienen ca. 1/3 mehr als die hierzulande!!! Außerdem haben die deshalb bessere Ergebnisse, weil sie nicht bis zu 80% nicht muttersprachliche Kinder auf das gleiche Niveau bringen sollten wie die, die die Landessprache von klein auf sprechen!

Baerald
11.03.2009 14:15
Natürlich ist das richtig.

Aber was soll man tun, wenn sich Eltern vorstellen, ihr Kind müßt einfach in eine AHS gehen - weil eine Hauptschule nicht "würdig genug" ist? Dann jammern, dass alles so schwer und mühsam ist - ist wohl etwas kurzsichtig.

GoodieGoodie
05.03.2009 16:53

1) In Finnland arbeiten die Lehrer weniger Stunden und verdienen weit mehr als bei uns!
2) Früher, als nur dafür Geeignete in die AHS gingen, war weder Nachhilfe noch "Unterstützung zur Vertiefung" notwendig! Die Eltern gingen arbeiten und die Schüler haben gelernt - und wer es trotz Lernens nicht geschafft hat, hat die Klasse wiederholt. Bei mir (und auch bei all meinen Mitschülern) haben bis zur Matura die Eltern nicht mit uns gelernt! Das selbständige Arbeiten ist eines der wichtigsten Kriterien zur AHS-Reife!

susi J
05.03.2009 21:22

Völlig richtig.Wir mussten sogar noch eine Aufnahmeprüfunge für die AHS machen.
Zu Finnland: Lehrer unterrichten dort ihre Fächer und sind nicht "Allroundkünstler "wie wir.Auch für all die "Spezialfälle" die wir lösen müssen, gibt es dort Spezialisten an allen Schulen.
Fort- und Weiterbildung findet im Gegensatz zu unserm System ausschließlich während der Unterrichtszeit statt.
Lehrer werden auch nicht beschimpft,schon gar nicht von ihrem obersten Chef, sondern werden geachtet und gelobt und es wird ihnen Wertschätzunge entgegengebracht.

gordito1
16.03.2009 23:28

Ehre nur wem Ehre gebührt!

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