Tür an Tür mit dem Drahtesel

3. März 2009, 10:03
1 Posting

Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs leben in Wiens erster Bike-City rund 300 Fahrräder samt ihren Besitzerinnen und Besitzern in friedlicher Koexistenz

Auf dem Gelände des ehemaligen Nordbahnhofs leben in Wiens erster Bike-City rund 300 Fahrräder samt ihren Besitzerinnen und Besitzern in friedlicher Koexistenz. Das Angebot ist spezifisch auf die Nutzer abgestimmt - Von Sabine Lintschinger

***

Mühsames Schleppen über viel zu enge Stufen, Anketten ans Stiegenhaus-Geländer oder unbewachtes Abstellen irgendwo im Hof. Wer kennt das nicht? Für die Bewohner der sogenannten Bike-City in Wien Leopoldstadt gehört derart anstrengender Umgang mit dem Drahtesel der Vergangenheit an.

"Die Herausforderung lag darin, die spezifischen Bedürfnisse von Menschen, die sich mit dem Fahrrad durchs Haus bewegen, zu berücksichtigen", erklärt Claudia König vom Wiener Architekturbüro königlarch. Wenn sie bei diesem Thema erst einmal richtig in Fahrt kommt, kann man nur noch darüber staunen, wie bisherige Wohnbauten in ganz Österreich offenbar fehlgeplant wurden.

Unterschiedliche Unterbringungsmöglichkeiten

Die Bike-City ist ein Paradies für Radfahrer und ihre Gefährte. Die Planung umfasst unterschiedliche Unterbringungsmöglichkeiten in tageslichthellen Fahrradräumen, Nischen in den Laubengängen und vor den Wohnungstüren, aber auch versperrbare Abstellboxen im Keller für besonders wertvolle Exemplare. Ja sogar die Lifte wurden übergroß ausgeführt, damit Rad und Fahrer mühelos darin Platz finden.

Abstellräume für Dreiräder


An den Nachwuchs der radbegeisterten Bewohner wurde in der Bike-City freilich auch gedacht: Es gibt einen eigenen Abstellraum für Kinderfahrzeuge, in dem zwischen alle den Dreirädern, Rollern und Laufrädern ein halbwegs geordnetes Chaos herrscht.

Mobilitätspreis

Die Bemühungen um die Bedürfnisse der Radfahrer blieben nicht unbemerkt: Die Wohnhausanlage des gemeinnützigen Bauträgers Gesiba wurden vom Verkehrsclub Österreich mit dem Mobilitätspreis ausgezeichnet: Die Bike-City sei als genanntes Verkehrssparhaus - ja, dieses Wort gibt es wirklich - so konzipiert, dass die Bewohner kein eigenes Auto besitzen müssten, um mobil zu sein. Die Lage an der U-Bahn und in unmittelbarer Nähe zur Donau kommt dem entgegen. Eine Autoverzichtserklärung wurde den Bewohnern jedoch nicht abverlangt. Ganz im Gegenteil: Es gibt 49 Autoabstellplätze in der Tiefgarage sowie die Möglichkeit zum Car-Sharing.

Wellnessbereich

Doch es ist nicht nur die Fahrradfreundlichkeit, die aus der Anlage einen attraktiven Wohnort macht. Im Erdgeschoß des L-förmigen Baukörpers steht den Bewohnern ein Wellnessbereich mit Sauna, Fitness, Kneippanlage, Solarium und Ruheraum zur Verfügung. Von vereinsamten Mehrzweckräumen keine Spur. Die Wellnessoase fand derart regen Zustrom, dass die Bewohner selbst an einem System mitarbeiteten, um den Run auf die Sauna in den Griff zu kriegen.

Alle 99 Wohnungen, die zwischen 60 und 120 Quadratmetern liegen, werden über weiträumige Laubengänge erschlossen. Hofseitig haben die Maisonette- und Geschoßwohnungen Loggia oder Balkon. Die verschiebbaren Holzschiebeläden davor können je nach Lust und Laune bewegt werden und dienen als Schutz vor Sonneneinstrahlung und fremden Blicken. "Das lebendige Spiel der Fassade drückt die Befindlichkeit der Bewohner aus", beschreibt Claudia König das Bild.

Außen sorgen großzügige Spiel- und Bewegungsflächen für den nötigen Freiraum - mit einer kleinen Hügellandschaft und Spielgeräten mittendrin. Kein Wunder, dass die Kinder hier gerne in die Pedale treten. Falls es einmal einen Patschen gibt, können die Räder direkt vor dem Haus gewartet werden. Der Outdoor-Werkplatz ist mit Wasseranschluss, Luftpumpe und speziellem Bodenbelag ausgestattet. Wenige Monate nach Fertigstellung ist die Bike-City bereits zum Leben erweckt. Architektin König: "In so einem Haus wohnen gleichgesinnte Menschen, die den Kontakt zueinander suchen - und finden." (Sabine Lintschinger, DER STANDARD Printausgabe 1.3.2009)

Share if you care.