Suche nach verschwundenen Landschaften

2. März 2009, 19:28
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    Einst und jetzt im Böhmerwald: Haidl im Jahr 1935, Zhuri 1998 - ein Dorf im Grenzland zu Österreich, von dem nach den Vertreibungen 1946 nichts mehr übrig blieb.

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    Zettwing 1922, Cetvina 2003: Eine Bürgervereinigung kümmert sich heute um die Restaurierung der alten Kirche. Fotos: antikomplex

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Ein paar tschechische Studenten haben sich aufgemacht, das Sudetenland wiederzuentdecken. Das Ergebnis: Ein Bestseller und erste Ansätze zur Aufarbeitung der tschechisch-deutsch-österreichischen Geschichte.

Prag/Brünn/Wien - Rein geografisch betrachtet, sind die Sudeten, "Sudety" auf Tschechisch und Polnisch, ein malerisch-schöner Gebirgszug, der die nordöstliche Umrandung des Böhmischen Beckens zwischen dem Zittauer Becken und der Mährischen Pforte bildet. Das Gebirge ist 310 Kilometer lang und 30 bis 45 Kilometer breit.

Doch rein geografisch kann in dem Gebiet, wo einst die "Sudetendeutschen" lebten, nichts betrachtet werden. Die gemeinsame Geschichte trennt Tschechen, Polen, Deutsche und Österreicher bis heute. Das zeigt auch die Nordische Ski-WM, die am vergangenen Wochenende in Liberec (einst Reichenberg) zu Ende ging. Kein Hinweis der Veranstalter auf das sudetendeutsche Erbe der Stadt, obwohl es dem Besucher ins Auge springt, wenn er vor dem alten "Franz-Josefs-Bad" steht oder vor dem Rathaus von Liberec, das dem Wiens verblüffend ähnelt. Die Siegerehrungen fanden dafür am "Edvard-Benes-Platz" statt.

Eine Handvoll junger tschechischer Studenten störte das Verschweigen der eigenen Geschichte schon im Jahr 1998. Damals gründete der angehende Politikwissenschafter Ondøej Matejka mit einigen Freunden die "Bewegung Anti-Komplex". Seine These: "Unaufgearbeitete Geschichte verursacht bei jedem Volk Komplexe." Das wollte Matejka für Tschechien nicht zulassen. In mühevoller Kleinarbeit suchten sie etwa historische Fotos von den Dörfern, Städten, Landschaften, wo einst die Sudetendeutschen gewohnt hatten. Sie fuhren hin, schossen - möglichst aus derselben Perspektive - Fotos von heute und legten damit den Grundstein für eine Wanderausstellung, die in Tschechien und Deutschland Furore machte.

Wissenshunger

2006 entstand das Buch "Zmizelé Sudety", "Das verschwundene Sudetenland". 18.000 Stück wurden bisher verkauft, 90 Prozent davon in Tschechien. Das Buch ist für tschechische Verhältnisse ein Bestseller, es folgten zwei weitere Bücher zum Thema. "Antikomplex" ist mittlerweile ein eingetragener Verein, der vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds und aus EU-Mitteln finanziert wird.

Ondrej Matejka sagt, er sei auch deshalb stolz auf die Initiative, "weil sich gezeigt hat, dass sehr viele Tschechen, die heute in den Häusern der Vertriebenen leben, nach der Vergangenheit suchen." Es gebe mittlerweile eine Sensibilität für die Frage, "was hier einmal war", viele wünschten sich, mehr von damals zu wissen, um etwa ihre Häuser originalgetreu renovieren zu können. Auch die Stadt Liberec/Reichenberg nimmt, zumindest teilweise, ihr Erbe an: Immerhin gibt es seit einigen Jahren ein "Porsche-Treffen", Ferdinand Porsche wurde in einem Ortsteil von Reichenberg geboren.

Zu Österreich gebe es nur wenige Kontakte, bedauert Matejka. Versuche, die Ausstellung nach Graz zu bringen, seien bis dato gescheitert. Nur im Rahmen der "Waldviertel-Akademie" kam es im vergangenen Sommer zur "Spurensuche" bei einer Fahrradtour für Jugendliche und Studenten.

Freilich ist noch viel zu tun. Das zeigt auch der textliche Teil des Buches über das verschwundene Sudetenland. Ausstellungsbesucher notierten ihre Kommentare im Gästebuch, nicht immer fielen sie freundlich aus: "Wenn die Sudetendeutschen nicht hinter Hitler gestanden hätten, könnten sie heute noch in ihrer alten Heimat leben und die Landschaft verschönern", schrieb ein Ausstellungsbesucher in Prag. In Olmütz notierte einer schlicht: "Was soll das bedeuten? Ich verstehe das nicht." (Petra Stuiber /DER STANDARD, Printausgabe, 3.3.2009)

na habedere
01
Franz-Josefs-Bad

die Tatsache, dass in Liberec ein Franz-Josefs-Bad gestanden ist, oder dass die Architektur dort ähnlich ist wie in Wien, sagt rein gar nichts darüber aus, dass dort Sudetendeutsche gelebt haben: Franz-Josefs-Bäder gab es in der gesamten Monarchie, egal welche Sprache dort gesprochen wurde, und mit der Architektur ist es genau so.

borake
01
super projekt!

Des sehr geehrten Herausgebers Faymandl
14
Das Selbstbestimmungsrecht der Völker

ist ein Dauerbrenner. So wie die Serben nicht in einem Bosnien oder Kosovo leben wollen, wollten die Deutschen nicht in einer Tschechoslowakei leben. Aber die Großmächte sind sehr selektiv, wem sie das Delbstbestimmung gewähren.

na habedere
00
Selbstbestimmungsrecht

Das Selbstbestimmungsrecht impliziert halt nicht das Sezessionsrecht. Ginge auch nicht: Man müsste Familien auftrennen, einzelne Wohnungen im selben Haus an verschiedene Länder aufteilen etc....

Jürgen Rembremerding
11
19.3.2009, 10:55
"Das Selbstbestimmungsrecht impliziert halt nicht das Sezessionsrecht."

Also war die tschechoslowak. Staatsgründung 1918 illegal?

na habedere
00
19.3.2009, 11:54
Grundlagen der Logik I

Nur weil nicht in allen Situationen aus dem Selbstbestimmungsrecht ein Sezessionsrecht entsteht, heißt das noch lange nicht, dass Sezession immer illegal ist.

divis
 
01
Da...

...beißt sich die Katze natürlich in den Schwanz. Dann hätte beispielsweise die Slowakei auch nicht von Ungarn abgetrennt werden dürfen.

Aber so ist halt die Geschichte. Die Tschechen hatten das bedeutend bessere Lobbying bei der Entente und dass die Grenzziehung derart dramatische Folgen nach sich ziehen würde hat sich damals auch keiner gedacht. Da gings eher darum, sich so viele strategische Vorteile für den nächsten Krieg zu holen wie möglich (so hatte man das schließlich immer gehandhabt).
Und das führt dann halt zu Geschichten wie der
Angliederung von Valtice wegen einer Bahnlinie, der von Ceské Velenice wegen einer Werkstätte oder der von Karviná wegen des Kohlebergbaus.

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