Zwanzig Minuten für einen "Schuss"

2. März 2009, 18:36
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In Graz soll der erste Drogenkonsumraum Österreichs geschaffen werden. Mit sechs Plätzen für Intravenös-Patienten will der "Kontaktladen" das Infektions- und Überdosierungsrisiko minimieren.

Graz/Wien – Mehr als zwanzig Jahre nach dem weltweit ersten "Fixerstübli" in der Zürcher Münstergasse soll auch in Österreich eine ähnliche Einrichtung geschaffen werden. Der Kontaktladen in Graz, eine von der Caritas betriebene Betreuungseinrichtung, plant sechs Plätze, an denen sich schwer abhängige Patienten Suchtgift injizieren können. Das wissenschaftlich begleitete Projekt soll vorerst zwei Jahre lang auf Probe laufen. Nibaldo Vargas, Streetworker und Sozialarbeiter des Kontaktladens, spricht von einer "Mondlandung". Denn nach vielen Jahren der Ablehnung signalisiert das Gesundheitsministerium nun Zustimmung.

Abgesegnet ist das Projekt noch nicht, Bundesdrogenkoordinator Franz Pietsch muss Details des neuen Konzepts noch prüfen. Er beharrt beispielsweise darauf, dass die "Kontakt- und Anlaufstelle" (K & A), wie Konsumräume in der Schweiz und in Deutschland (siehe Artikel "Fixerräume anerkannt und umstritten") heute genannt werden, nur für einen eingeschränkten Personenkreis zugänglich ist: "Niemand unter 18 soll Zutritt haben, Patienten, die in einer Substitutionsbehandlung stehen, auch nicht", erläutert Pietsch im Gespräch mit dem STANDARD. Generell weist er darauf hin, dass beispielsweise die Wiener Drogenkoordination Konsumräume als nicht notwendig erachtet. Auch die Drogenpolitik der Vereinten Nationen sei dagegen.

Der Grazer Drogenkoordinator Ulf Zeder ist deswegen noch vorsichtig optimistisch. Vom Erfolg eines Konsumraumes ist der klinische Psychologe und Psychotherapeut aber jedenfalls überzeugt: "Pro Monat werden auf öffentlichen Toiletten in Graz rund 3000 Spritzen gefunden. Abgesehen von der Gefährdung anderer heißt das, dass jeden Tag durchschnittlich 100 Patienten Suchtgift unter katastrophalen hygienischen Umständen konsumieren und ein hohes Infektionsrisiko eingehen müssen. Und im Notfall ist niemand da, der hilft."

Spritzentauschprogramm

Auf den sterilen Plätzen in der K & A würde das Infektionsrisiko minimiert, außerdem soll medizinisches Personal rund um die Uhr anwesend sein. "Wir hatten schon bisher ein Spritzentauschprogramm, aber das ist doch in Wahrheit nur die halbe Hilfe", meint Nibaldo Vargas.

Wer sich unter Konsumräumen gemütliche Stuben vorstellt, liegt falsch. Auch die in Graz geplanten Plätze sind einfach, steril und müssen von jeweiligen Benutzern nach dem "Schuss" auch wieder desinfiziert werden. Die Klienten erhalten beim Konsum keinerlei Hilfe, sie sollen jeweils rund zwanzig Minuten Zeit haben. Schwer berauschten Personen wird der Zutritt verweigert. Ein Inhalationsbereich ist nicht vorgesehen, weil Crack oder andere Drogen in Graz kaum geraucht werden. Es ist damit zu rechnen, dass die Polizei als Ausgleichsmaßnahme scharf gegen Suchtmittelverstöße in der Öffentlichkeit vorgehen wird. (Michael Simoner/DER STANDARD-Printausgabe, 3.3.2009)

  • Drogenkonsum-Räume, wie hier in Basel, sind alles andere als gemütlich. Auch in Graz wird es hauptsächlich darum gehen, suchtkranke Patienten vor Infektionsgefahren zu schützen.
    foto: kontaktladen

    Drogenkonsum-Räume, wie hier in Basel, sind alles andere als gemütlich. Auch in Graz wird es hauptsächlich darum gehen, suchtkranke Patienten vor Infektionsgefahren zu schützen.

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