Nebenstimmenwalzer mit Liebe zum Detail

2. März 2009, 17:33
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Der russische Pianist Arcadi Volodos im Musikverein

Wien - Sich nach hinten lehnen und lauschen: Die eigentümliche Haltung, die das Cover seiner aktuellen, zu Recht bereits mehrfach preisgekrönten Liszt-CD zeigt und die Arcadi Volodos auch bei seinem jüngsten Wiener Konzert einnahm, ist mehr als bloß Pose.

Vielmehr konnte man auch am Sonntag im Musikverein den Eindruck gewinnen: Es ist der zurückgeneigte Kopf des 1972 geborenen St. Petersburgers, der es auch ihm selber erst ermöglicht, so genau hinzuhören, wie es für sein Publikum geradezu zwingend ist - wenn es denn dem Gehörten tatsächlich auf den Grund gehen will.

Abschattierungen

Denn Volodos verfügt zwar mit der größten Selbstverständlichkeit über das Rüstzeug des perfekten Virtuosen und strotzt nur so vor Kraft, die er zuweilen auch zu explosionsartiger Entladung bringt. Doch beides dient bei ihm weniger der Selbstdarstellung als der Darstellung dessen, was nicht an der Oberfläche zu finden ist.

Vielmehr scheint er die Herausforderung in vielfachen Abschattierungen zu suchen. Man könnte auch sagen, seine ganze Liebe gehört dem Detail, verborgenen Nebenstimmen, Querbezügen innerhalb der Stücke, aber auch innerhalb seiner durchdachten Programme. Geradezu genial ist seine Gegenüberstellung von Skrjabin, Ravel, Schumann und Liszt, die vor einigen Tagen in Graz, aber auch bei den letzten Salzburger Festspielen zu hören war; dort wird Volodos heuer die „Liszt-Szenen" eröffnen. Auch in Wien steuerte das Programm auf Liszt zu, wurden Beziehungen zwischen den Werken des 20. und des 19. Jahrhunderts hörbar gemacht.

Waldszenen

Da war es etwa fast so, als ob der Vogel als Prophet aus Schumanns Waldszenen ganz unverhofft in Skrjabins 7. Klaviersonate Weiße Messe hineintrillern würde; oder es blitzten harmonische Ähnlichkeiten zwischen Schumann und Ravels Valses nobles et sentimentales auf. Und die „Fantasia quasi sonata" Après une lecture du Dante aus dem „Italien"-Teil der Années de pèlerinage strotzte nur so von Modernität und Düsternis - was Arcadi Volodos aber nicht daran hinderte, auch hier Schärfe und Eleganz auf das Wundersamste zu verbinden.

Was sich während des Konzerts mitunter in Gestalt eines mit seinem Skript raschelnden, hustengeplagten Kameramanns bemerkbar machte, bedeutet für andere Anlass zur Freude: Das Konzert wird ab Herbst als DVD-Produktion (Unitel/Sony) zu haben sein. Am 28. 7. eröffnet Volodos die „Liszt-Szenen" der Salzburger Festspiele; seine CDs erscheinen bei Sony. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 3.3.2009)

 

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