Mitten in der Krise neue Chancen für IT

2. März 2009, 11:57
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IBM demonstriert Cloud Computing mit bunten Bällchen - Iron Mountain verspricht Kosteneinsparung bei Speicherung von Daten - Zehnfache Datenmenge in 6 Jahren

Informationstechnik verspricht den Unternehmen ein effizienteres Arbeiten zu geringeren Kosten. Auf der am Dienstag beginnenden weltgrößten Computer-Messe CeBIT in Hannover wird dieses Argument im Schatten der Krise besonders lautstark vorgebracht. Und es gibt mal wieder ein hübsches und diesmal besonders wolkiges Schlagwort: das Cloud Computing.

Ausgelastet

Das bedeutet, so erklärt es der IBM-Deutschland-Chef Martin Jetter, dass Leistungen der IT je nach Bedarf an Kunden verteilt werden. Bei IBM kann man etwa die Prozessorleistung von Computern hinzumieten, wenn die eigenen Rechnerkapazitäten ausgelastet sind. Auf dem CeBIT-Stand wird dies mit einem ästhetisch ansprechenden Modell bunter Bällchen demonstriert, die je nach Auslastung an Fäden aufsteigen. Wird externe Rechenleistung hinzugeholt, schweben sie wieder nach unten.

"Mit Cloud Computing sparen Unternehmen im Rechenzentrum bis zu 80 Prozent an Fläche sowie 60 Prozent an Strom- und Kühlungskosten ein", verspricht IBM. Zudem könnten die IT-Systeme flexibler und schneller an veränderte Anforderungen angepasst werden. Neben Hardware-Leistung stellt IBM über das Cloud Computing auch Anwendungen für Geschäftsprozesse bereit. "Ich hole mir das, wenn ich es brauche", erklärt Jetter aus Sicht des Kunden.

Zuversicht

Cloud Computing ist ein Beispiel, warum die IT-Branche ganz zuversichtlich ist, der Krise trotzen zu können. Zwar leidet auch die CeBIT unter der weltweiten Rezession - nur noch 4.300 Aussteller sind nach Hannover gekommen, 26 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Aber unter den Ausstellern gibt es einige, die sich im Schatten der Krise gute Geschäfte versprechen.

Gerade in der Software-Branche müsse "eine schwache Wirtschaft nicht zwangsläufig zu einer schwachen Unternehmensleistung führen", sagt IBM-Software-Chef Stefan Höchbauer. "Der Wettbewerb um die besten Angebote hört in einer Krise eben nicht auf, und daher sind Unternehmen auch jetzt auf der Suche nach Lösungen, die sie effizienter machen und Wettbewerbsvorteile verschaffen."

Eines dieser Unternehmen ist Iron Mountain, ein in der breiten Öffentlichkeit wenig bekanntes Großunternehmen mit 20.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 3,06 Mrd. Dollar (2,42 Mrd. Euro; 2008), das sich auf die Speicherung von Daten spezialisiert hat. Globale Wirtschaftskrise? "Das ist vorteilhaft für uns", antwortet der Vorstandschef von Iron Mountain, Bob Brennan, "denn während die Informationsmenge explodiert, gehen die IT-Budgets nach unten oder stagnieren."

Bergwerk in Pennsylvania

Iron Mountain ist nach einem Berg in Pennsylvania benannt, der seit mehr als 50 Jahren als Datenspeicher dient. In dem ehemaligen Bergwerk in Pennsylvania werden seit 1951 Dokumente sicher eingelagert, erst auf Papier und jetzt auch digital.

"Wir erwarten, dass sich die Informationsmenge in den nächsten sechs Jahren verzehnfacht", sagt Brennan im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Zurzeit speichern die Rechenzentren in den USA, Europa, Lateinamerika, Asien und Australien Kundendaten im Umfang von 8 bis 10 Petabyte - das sind 8.000 bis 10.000 Terabyte oder 8 bis 10 Mio. Gigabyte.

In einem Unternehmen werden wichtige Daten wie Arbeitsrichtlinien oder Anweisungen des Managements auf allen Arbeitsplatzrechnern gespeichert, was die gesamte Datenmenge entsprechend erhöht. Bei Iron Mountain aber wird nur eine Kopie eingelagert und für den Abruf bereitgestellt. "Wir können das eindampfen", erklärt Brennan. Solche Technologien für "Deduplizierung und Reduzierung" verringern die zu sichernde Datenmenge um bis zu 80 Prozent.

Sämtliche Daten werden verschlüsselt und über eine geschützte Internetverbindung in das Rechenzentrum von Iron Mountain übertragen. Neben Langzeitspeicherung und Archivierung ermöglichen Hochverfügbarkeitssysteme auch, dass die Daten jederzeit wieder abgerufen werden können, sobald sie gebraucht werden - sie kommen dann nicht von einem Firmenrechner, sondern aus der Cloud, jener Wolke im Internet, die voller Anwendungen und Daten steckt, ohne dass man immer genau weiß, von welchem Server sie kommen.

Auf der CeBIT stellt Iron Mountain einen "Virtual File Store Service" vor. Unternehmen können damit ihre aktuell ungenutzten, als "inaktiv" bezeichneten Dateien in ein virtuelles Archiv auslagern. Werden Dateien benötigt, können sie von jedem Ort und jederzeit über eine sichere Internet-Verbindung abgerufen werden. "Das ist wie eine digitale Bibliothek", erklärt der Vorstandschef. "Wir übernehmen die inaktiven Daten, so dass sich die Computersysteme der Kunden auf die aktiven Daten konzentrieren können."

"Die Dateiformate sind uns egal", sagt Brennan. Gespeichert werden unter anderem E-Mails, Papierdokumente, Fotos, Röntgenbilder und digitale Dokumente aller Art. Nichtdigitale Dokumente werden eingescannt und bei Bedarf ebenfalls über das Internet zur Verfügung gestellt. Es gebe in den Unternehmen gigantische Mengen an Informationen, die ungenutzt brach lägen, im "Virtual File Store" aber neu erschlossen würden, sagt Brennan und verwendet ein Bild aus der Funktechnik: "Es gibt so viel Störgeräusche, dass es schwer ist, das Signal zu entdecken. Wir finden das Signal."

Aber ist es nicht riskant, die eigenen wertvollen Daten einem anderen Unternehmen anzuvertrauen? Brennan antwortet: "Wir bieten eine weit höhere Sicherheit, als die Kunden jemals in ihrem eigenen Bereich gewährleisten können." Im "Eisernen Berg" lagern in rund 60 Metern Tiefe unter anderem die Fotosammlung von Bill Gates mit 20 Mio. Bildern sowie vertrauliche Dokumente der US-Regierung und des Nationalarchivs der USA.

Magnetbänder

Für einige digitale Dokumente wie Magnetbänder aus den 60er Jahren gibt es inzwischen schon nicht mehr die passenden Lesegeräte. Solche Daten müssen deshalb ständig gewartet und für die Langzeitarchivierung an die aktuelle Hardware angepasst werden.

Spricht man mit Branchenexperten über das Cloud Computing, hört man oft die Meinung, dies sei erst einmal nur ein weiterer Hype, ein hochgeputschtes CeBIT-Thema. Aber die dadurch erzeugte breite Beachtung sei hilfreich, weil es die Unternehmen dazu zwinge, ihre IT-Systeme zu überprüfen, ob sie noch zeitgemäß seien. IBM-Manager Jetten sagt: "Die Cloud entsteht nicht über Nacht, das ist eine Evolution, keine Revolution, und sie baut auf eine sehr dynamische Infrastruktur auf." (von Peter Zschunke, AP)

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