Das Leben ist kein Wunschkonzert

2. März 2009, 17:01
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Yamaha bringt wieder eine Diversion. Geniales Sporttourer-Konzept oder alte Teile im neuen Kleid?

Die Frau Floh hat sich damals die Blinker im Zehnerpackl gekauft, so oft ist sie mit ihrer Diversion im Acker gelegen. Allein durch den Ersatzteil-Verschleiß der Frau Floh konnte in Wien ein Händler leben und zwei japanische Zulieferfirmen hätten ihren Mitarbeitern die Überstunden auszahlen können. Wegen der wirtschaftlichen Aufschwungs als Folge ihrer Detonationsmethode erhielt die Frau Floh damals den güldenen Kupplungshebel und man verlieh ihr zweimal das Lenkerendgewicht des Monats.

Frau Floh lag mit ihrer Diversion nicht deswegen dauernd in den Straßengräben und Ackerfurchen dieser Welt, weil sie nicht fahren konnte, sondern weil sich damals eine ganze Horde Motorradverkäufer irrte, mit den Worten: „Die Diversion ist das perfekte Frauen-Motorrad." In Echt war die Diversion aber ein Klotz am Bein. Sie war schwer, sie war langsam und sie hatte einen Sattel wie ein quer eingebautes Sofa mit Regenrinne. Nur Michi, ein ehemaliger Standard-Kollege, konnte die Diversion dabiegen. Das war dann aber eher ein Bild das an einen fescherer Bud Spencer auf einer Honda Monkey erinnerte. Denn Michi ist zwei Meter groß und hat sehr breite Schultern. Da schleiften die Rasten schon aus Erfurcht.


Fesch und sportlich schaut die Diversion aus.

Michi hat inzwischen statt der Yamaha zwei süße Kinder, die Frau Floh hat die Diversion irgendwann gegen eine R6 getauscht. Dass die Frau Floh jetzt schwanger ist, hat aber nix mit der Diversion zu tun. Und das alles hat nix damit zu tun, dass Yamaha wieder eine Diversion baut. Aber wir sind einmal eingedenk, welches Motorrad da wiederbelebt wird. Ein kleiner Sport-Tourer, auf den manche alles schworen und dem manche alles nachschmissen, was nur in Griffweite war.

In Griffweite ist jetzt, nach den FZ6-Fazer-Spec II-Wirren bei Yamaha, auch die Verständlichkeit der 600er-Modellpalette. Denn jetzt gibt es auf der Sportseite die nackte FZ6 S2 und die verkleidete FZ6 Fazer S2, auf der Tourenseite die nackte XJ6 und die verkleidete XJ6 Diversion. Auch wenn in FZ und XJ immer noch das gleiche Herz schlägt. Für die Diversion wurde das FZ6-Aggregat aber komplett überarbeitet. Das Drehmoment wurde wie Kohle in den Keller geschaufelt und die Leistung ein wenig reduziert. Soll heißen: Das Leistungsmaximum mit 78 PS liegt bei 10.000 Umdrehungen schon um 2000 Touren früher an. Das Drehmomentmaximum mit fast 60 Nm bei 8500 Umdrehungen um 1500 Touren eher. Kupplung und Schaltmechanismus wurden für den Kundenkreis „Einsteiger und Wiedereinsteiger" optimiert. An die Einsteiger hat man wohl auch gedacht, als man die Sitzhöhe um 10 Millimeter absenkte und eine supergemütliche Sitzposition auf die Diversion zimmerte. Oder schielt man da wieder in Richtung Frauen?


Fesch ist auch der Endtopf unter dem Motor.

Frauen sind es angeblich auch, die seltener ein Problem mit einem an sich besseren aber weniger fetten 160er-Hinterreifen haben. Denn nachdem man bei der Fazer schon vor Jahren vom agilen 160er-Reifen abgekommen ist und einen 180er montiert hat, bekommt die Diversion wieder den 160er-Patschen. Während man mit den Reifen in Richtung Kurvenhetz geht, wurde der Lenkkopfwinkel bei gleichbleibendem Radstand um einen Grad flacher.


Fesch kommt die XJ6 in Weiß daher. Apropos: Wer weiß, wie lange das noch modern ist?

Nicht gleich geblieben ist der Alu-Rahmen der Fazer. Die XJ6 muss als günstiger Einsteiger-Tourer mit einem Doppelschleifen-Stahlrohr-Rahmen auskommen. Gespart hat Yamaha auch bei der Schwinge und der Gabel. Die XJ6 muss mit 41 Millimeter Gabeldurchmesser auskommen, die FZ6 hat 43 Millimeter. Aber der Anspruch an das Fahrwerk eines Einsteiger-Sport-Tourers ist ein anderer als an eine Supersport-Maschine. Und die XJ6 wird das gleiche Leiden haben wie ihre Vorgängerin: Macht das Fahren alleine auf dem Eisen noch Spaß, ist die Diversion im Soziusbetrieb überfordert wie ich zu Schulzeiten im Deutschuhntericht.


Fesch ist sie nicht, die Schwinge, aber sie verrichtet ihr Werk zum günstigen Preis.

Ich hätte mir von Yamaha statt eines 600er-Sport-Tourers ja eine kleinere Zweizylinder-Maschine gewünscht. Eine 500er mit Paralleltwin oder einen 400er-V2. Aber das spielt es natürlich nicht. Fahrtechnik-Experte Dr. Redl sagt, dass die Arschpreller nix sind für die Fahranfänger. Und die Verkaufszahlen von Honda CBF und Suzuki Bandit sprechen sowieso gegen mich. Mit dem Auspuff unter dem Motor und dem frischesten der konservativen Stylings, hat die XJ6 wieder das Zeug dazu, dass die Blinker im Zehnerpackl über den Ladentisch wandern. (Guido Gluschitsch)


Marke: Yamaha
Type: Diversion
Motor: 4-Zylinder-4-Takt-DOHC-Motor mit 4 Ventilen
Hubraum: 600 ccm
Leistung: 57.0 kW (78 PS) @ 10,000 U/Min
Drehmoment: 59.7 Nm (6.1 kg-m) @ 8,500 U/Min

  • Artikelbild
    foto: yamaha
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