ORF: Vorschläge zu einer Neuaufstellung

1. März 2009, 19:47
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Beschränkung der Zahl der Stiftungsräte aus der Politik auf acht - weitere acht aus dem Kreis der Rektorenkonferenz, der Opern- und Theaterdirektoren

Würde die Regierung im ORF einen Aufsichtsrat installieren können, dessen Führung ihren publizistischen Absichten entspricht, käme Hans Dichand als dessen Vorsitzender zum Zug. ORF und Kronen Zeitung zu steuern wäre sicher nach seinem Geschmack. Denn so viel "Volk" hätte er noch nie gehabt. Eine mediale Diktatur dieser Art wäre allemal eine europäische Innovation und eine Zusammenfassung der relevanten patriotischen Kräfte.

So weit sind wir glücklicherweise noch nicht. Aber der ORF wird trotzdem wieder einmal reformiert. Von Politikern und Pressereferenten, deren TV- und Radiokonzept identisch ist mit der Dramaturgie von Belangsendungen und Personality-Shows. Sie sagen es nur nicht offen. Verraten sich aber, wenn plötzlich Pläne auftauchen wie die Abschaffung der Auslandskorrespondenten. Nur nicht zu viel Ausland. Kultur und Diskussionen möglichst spät in der Nacht.

Deshalb unterbleibt auch eine Debatte über die Zielrichtung der ORF-TV-Kanäle. Im Moment gibt es drei bespielbare Kanäle: ORF 1, ORF 2 und TW 1. Die Traditionsprogramme müssten sich wieder viel klarer voneinander unterscheiden, mindestens zwei von drei dem Bildungs- und Kulturauftrag des ORF folgen. Kombiniert mit der Utopie einer Reduktion der Landesstudios auf jeweils einen journalistisch qualitätsvollen Aktuellen Dienst für TV und Radio ergäben sich kostensparende Synergie-Effekte. Und mehr Chancen für lokale Sender.

ORF 1 könnte der seit der Generalintendanz Zeiler forcierte Unterhaltungskanal sein. Eine Art ZDF mit österreichischen Einschlägen (Karlich) und amerikanischer Film-Seife. Diesen Kanal könnte man für Beteiligungen öffnen. Oder überhaupt privatisieren.

ORF 2 käme als österreichisches CNN infrage. Vor einigen Tagen, als eine türkische Maschine in Amsterdam abstürzte, war man auf CNN oder ntv (wie so oft) angewiesen. "Breaking News" und Schlagzeilen am Fuß des Bildschirms sind nun einmal Essentials des modernen Fernsehens. Die Qualität der ORF-Journalisten ist so hoch, dass sie einen solchen Kanal locker mit spannenden News, Dokus und Debatten füllen könnten. Die dort produzierten Nachrichten könnten auf die beiden anderen Kanäle durchgeschaltet werden.

TW 1, der jetzige Kanal von Mück & Friends, hat durchaus seriöse Züge. Eine Basis für TW 1 als neuer ORF 3, als Kultur- und Wissenschaftskanal, wo man gleichzeitig die teils hervorragenden Kindersendungen platzieren könnte. Das Vorbild für ORF 3 wäre Arte. Einer Kulturnation angemessen.

Bei der Führungsstruktur sollte man zum Intendanzprinzip zurückkehren. Eine(r) pro Kanal und schließlich noch eine Chefredaktion für Nachrichten, Magazine und Diskussionen. Abgesehen von innerlich starken und unabhängigen Führungsleuten, die nicht auf eine zweite Amtszeit schielen, ginge es natürlich auch um ein stärkeres Aufsichtsgremium.

Warum nicht eine Konstruktion der neuen Art? Eine Überlegung: Beschränkung der Zahl der Stiftungsräte aus der Politik auf acht - weitere acht aus dem Kreis der Rektorenkonferenz, der Opern- und Theaterdirektoren. Sicher besser als jetzt. (Gerfried Sperl/DER STANDARD; Printausgabe, 2.3.2009)

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