Lernen fürs Leben: Urteil trifft auf Vorurteil

1. März 2009, 19:13
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Unverstanden, verunglimpft und missachtet: So sehen sich Österreichs Lehrer und empfinden zwei Unterrichtsstunden mehr als Zumutung

Lehrer sind Faulpelze, das wissen wir alle. Und weil wir das alle wissen, dürfen wir das auch alle sagen, die Ministerin ein bisschen subtiler, während der Boulevard Online-Umfragen veranstaltet. Woher wissen wir das eigentlich? Ach ja, weil wir alle selbst einmal in die Schule gegangen sind und genau gesehen haben, wie der Mathelehrer um 14 Uhr in sein Auto gestiegen und nach Hause gefahren ist (am Mittwoch übrigens schon um 13 Uhr!). Dass er sich zu Hause in sein (selbstfinanziertes und steuerlich nicht absetzbares) Arbeitszimmer gesetzt und unsere Hausübungen korrigiert hat, hat uns nie wirklich interessiert. Hätte uns ja keine Hausübung geben müssen, der alte Sadist!

Dass kein einziger unserer bekannt faulen Lehrer in Hinkunft länger arbeiten wird, ist klar. Wer zwei Stunden länger in der Klasse steht, wird daher logischerweise anderswo kürzen. Wo geht das am einfachsten? An guten Vorschlägen mangelt es nicht. Als Erstes wird man natürlich bei der unangenehmsten aller Lehrertätigkeiten ansetzen, beim Korrigieren. Schularbeiten müssen weiter korrigiert werden, das ist klar. Hausübungen werden sich in Hinkunft aber leider nicht mehr ausgehen. Ja, doch, man wird weiter Hausübung geben, das kann sich der alte Sadist nicht abgewöhnen, aber anstatt z.B. 25 dreiseitige Englischaufsätze zu lesen, zu korrigieren und mit hilfreichen Erläuterungen zu versehen, wird man in Hinkunft ein Hakerl druntersetzen: Hausübung gemacht.

Vor der Schularbeit zusätzliches Übungsmaterial zusammenzustellen, damit die Schüler sich gezielt vorbereiten können, das wird es in Hinkunft natürlich auch nicht mehr geben. Steht eh alles im Buch auf Seite 87, was wollt's eigentlich?

Aber sind sie wirklich alle so faul? Natürlich nicht. Jeder von uns hat auch ein paar total engagierte Lehrer gehabt, nicht wahr? Im Normalfall waren das die jungen. Also die, die jetzt ihren Job verlieren, weil man bei einer zehnprozentigen Erhöhung der Arbeitszeit logischerweise zehn Prozent weniger Lehrer braucht.

Letztendlich ist die Idee der Ministerin eine direkte Fortsetzung der Schulpolitik Elisabeth Gehrers. Unter Gehrer waren es vor allem die als „Schülerentlastung" an_gepriesenen Stundenkürzungen, diesmal ist es eine eindeutige Verschlechterung des Unterrichts selbst. Gewinner werden vor allem teure Nachhilfeinstitute sein; denn dort werden die Hausübungen dann eben doch verbessert - für alle, die sich das leisten können. Wie Schmied das mit ihrem sozialdemokratischen Gewissen vereinbaren kann, bleibt offen. (Christian Goldstern, per Internet)

Bei den am meisten belastenden Schularbeitsfächern wie Sprachen oder Mathematik wird auch der weitaus größte Teil an Nachhilfestunden notwendig. Dieser Nachhilfeunterricht wird quer über die Schulen von Lehrkraft zu Lehrkraft organisiert und just von den einschlägigen Fachkräften auch gerne gehalten. Wo ist da die Überlastung? (Gerhard Berent, 1230 Wien)

Ich bin entsetzt darüber, welches Bild die Lehrerschaft in Österreich abgibt. Wie soll man einem Berufsstand, der im internationalen Vergleich bei den Gehältern ganz oben, bei den Leistungen aber im unteren Bereich angesiedelt ist, Achtung und Respekt entgegenbringen? Welches Vorbild geben Sie unseren jungen Mitbürgern? Dass Arbeit mit Leid gleichzusetzen ist?
(Mag. Maria Weglehner-Oberneder, per Internet)

Alle, die nur in den Ferien gerne Lehrer wären, treten wieder einmal auf den Plan, um herauszustreichen, wie wenig wir zu tun hätten. Hauptsächlich Ferien, Halbtagsjob mit Spaßfaktor, leichtverdientes Geld durch Nachhilfestunden - und das sagen vor allem jene, die ihre Sprösslinge nicht einmal in den wenigen Stunden, die sie am Abend oder am Wochenende mit ihnen verbringen, im Griff haben. (Mag. Ingrid Taucher, 7432 Oberschützen)

Das haben wir alles übernommen: Integration von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, Umgang mit Immigrantenkindern und deren Eltern, soziales Lernen und Kompensation der Versäumnisse im Elternhaus, Betreuung verhaltensauffälliger Schüler (selten mit wirksamer professioneller Hilfe), neue Unterrichtsformen, Individualisierung und damit einhergehende vermehrte Vor- und Nachbereitungszeit sowie Koordinationsgespräche mit Kolleginnen und Kollegen. Das alles fordert mittlerweile all unsere Kräfte.

Nun richtet uns die Frau Minister aus, dass sie „mehr Leistung" von den Lehrern fordert. Wir wollen, dass Sie sich bei uns entschuldigt. Das ist für den Anfang das Mindeste!(Jürgen Pany, per Internet)

In meiner Schule (Schwerpunktschule Integration und Informatik im Bezirk Horn) gibt es 40 fleißig arbeitende Lehrer (von 21 Wochenstunden ist natürlich gar keine Rede mehr). Wenn diese 40 Lehrer nun offiziell je zwei Wochenstunden mehr in der Klasse stehen werden, so sind das 80 Wochenstunden. Bei gleichbleibendem Stundenangebot für die Schüler „arbeiten" daher 36 Lehrer die Lehrverpflichtungen der restlichen vier „ein"! Logo?(OSR Roland Gatterwe, Hauptschule Horn)

Zwei Stunden mehr Unterrichtszeit bedeuten auch, dass man mehr Schüler und Eltern betreut, in meinem Fall 185 statt 160 Schüler. Diese Betreuung, die nicht nur in der Unterrichtszeit, sondern auch davor, dazwischen und danach stattfindet, fällt damit für jeden einzelnen Schüler kürzer aus.
(Mag. David Puntigam, 6800 Feldkirch)

Wenn der Lehrerberuf so attraktiv ist, wie er zurzeit dargestellt wird, dann frage ich mich, warum wir nicht geradezu eine Lehrerschwemme erleben? Wenn ich meinen Schüler erzähle, was ich als Lehrer nach 25 Dienstjahren verdiene, etwa 2000 Euro, dann glauben sie entweder, ich sage ihnen nicht die Wahrheit, oder sie fühlen sich darin bestärkt, dass es für sie keinesfalls infrage kommt, selber einmal Lehrer zu werden. (Mag. Franz Stangl, 7400 Oberwart)

Wenn ein Lehrer zwei Stunden mehr in der Klasse „stehen" muss, heißt das nicht, dass ein Kinder zwei Stunden länger von einem Lehrer unterrichtet oder betreut wird. Die Schülerstundenanzahl bleibt wohl die gleiche. Ganz im Gegenteil: In den letzten Jahren wurde schon massiv eingespart (fast jeder Gegenstand hat Stunden „verloren"). Der Vorschlag von Frau Minister Schmied kann somit nicht das Bildungsniveau erhöhen, sondern dient ausschließlich dazu, Kosten zu sparen.
(Roman Braun, per Internet)

Pflichtschullehrer unterrichten bereits zehn Stunden gratis, denn erst die elfte Supplierstunde wird bezahlt! (Mag. Ernestine Holub, per Internet)

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