Auf der langen Wartebank des Lebens

1. März 2009, 19:02
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Regisseur Thomas Schulte-Michels erzählt Anton Tschechows "Drei Schwestern" im Wiener Volkstheater als Stück aus dem Geist der Fernsehvorabendserie

Wien - In einer russischen Gouvernementstadt zu Anfang des letzten Jahrhunderts versitzen Anton Tschechows Drei Schwestern ihre Lebenszeit. Von Garnisonsoffizieren umschwirrt, die ebenso unnütz sind wie sie, kindlich und unendlich liebenswert, malen sich die Generalstöcher Olga, Mascha und Irina in allen Spektralfarben des Glücks ein Leben in der Kapitale aus: "Nach Moskau! Nach Moskau!"

Im Zuge ihrer Reisevorbereitungen müssen die Damen allerdings bei einem Billigmöbelhaus Rast gemacht haben. Auf der Bühne des Volkstheaters, wo man Tschechow kurz entschlossen in die Welt der Fernsehvorabendserie setzt, hat Regisseur Thomas Schulte-Michels eine Polster-Barriere errichtet: Über die gesamte Breite der Bühne erstreckt sich die Wartebank des Lebens. Durch den Vorhangspalt verschaffen sich die Schwestern und ihre Lebensmenschen Zutritt zu den Sprecherpositionen und Dämmerplätzen. Jeder Auftritt enthält zugleich die Rechtfertigung der eigenen, zu Passivität und Stillhalten verurteilten Existenz.

Olga (Claudia Sabitzer), die kecke, hochgeschminkte Lehrerin, ersäuft ihr Würgen an der Einsamkeit in aufgeweckter Betriebsamkeit. Irina (Luisa Katharina Davids), das Nesthäkchen, sieht sich den Tastangriffen des Truppenarztes Tschebutykin (Rainer Frieb) ausgesetzt. Mascha (Heike Kretschmer), die in lebenslangem Unglück mit einem bornierten Lehrer (Thomas Kamper) verheiratet ist , hat sich sogar Nerventicks angewöhnt. Sie fährt wie eine schlecht domestizierte Katze die Krallen aus, zetert und japst.

Geraubte Würde

Der Beipackzettel dieser völlig geheimnislosen Inszenierung liest sich wie folgt: Einsamkeit kann Ihre Seele verwüsten! Meiden Sie tunlichst das Festsitzen in unproduktiven Weltgegenden! Indem die Figuren aber ihre kleinen Lebenskatastrophen als kompakte Informationspakete an das Publikum weiterreichen, ohne untereinander das Gespräch zu suchen, beraubt Schulte-Michels die Personen ihrer Würde. Die Kunst bestünde vielleicht darin, dem zähen Verfließen unnütz aufgebrauchter Zeit eine sonderbar traurige, nichtsdestotrotz betörende Melodie abzulauschen. Tschechows Dialoge leben schließlich davon, dass diese Gestrandeten sich selbst die größten Rätsel sind.

Weil man im Volkstheater den köstlichen Ausflüchten der handelnden Personen gründlich misstraut, reduzieren sich die Fragen nach der Rechtfertigung des Lebens auf ehehygienische Detailprobleme. Tschechow wird rücksichtslos zum Ahnherren der modernen Ratgeberliteratur erklärt. Mascha hat offenbar schlechten Sex mit ihrem Mann und verzehrt sich daher nach dem stocksteifen Obersten Werschinin (Marcello de Nardo). Andrej, der untüchtige Bruder der Schwestern (Raphael von Bargen), lebt zottelhaarig das Leben eines aus dem Erwerbsleben verstoßenen Prekariatsangehörigen. Seine Gemahlin Natalia (Franziska Srna) gibt den ausgepolsterten Haushaltsdrachen, eine üble Karikatur auf die Machtbeflissenheit der Gedemütigten.

Man wird dem Ensemble eine gewisse Hochachtung nicht versagen wollen: Jede Figur steht fest umrissen vor Augen. Nur weiß Schulte-Michels über Anmut und Armut der absurden Daseinsbewältigung nichts Weitergehendes zu erzählen. Die Polster der Wartebank verschwinden im dritten Akt - das Städtchen brennt, die letzten Illusionen schwinden - in der Versenkung. Danach ist die Welt des Abschiednehmens ein wüster, leerer Beckett-Boden. Das wahre Theater des Absurden könnte beginnen. Im Volkstheater freut man sich bereits, die Zeit bis dahin ohne gröberen Unfall überstanden zu haben. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 3. 2009)

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    Zu Passivität und Stillstand verurteilte Existenzen sind die "Drei Schwestern" Irina (L. K. Davids), Olga (C. Sabitzer) und Mascha (H. Kretschmer).

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