Mondmusik mit sizilianischen Echos

1. März 2009, 18:52
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Ralph Towner gastiert im Gitarren-Trio mit Wolfgang Muthspiel und Slava Grigoryan in Österreich

Wien - "Pronto?", meldet sich die Stimme am anderen Ende der Leitung. Wer Ralph Towner anruft, der braucht schon lange keine New Yorker Vorwahl mehr. Seit rund 16 Jahren ist der Gitarrist Wahl-Italiener, aus zwischenmenschlichen Gründen, wie man so schön sagt. "Das kam für mich selbst überraschend. Ich habe in Sizilien eine Frau kennengelernt, wir haben lange in Palermo gelebt, nun sind wir seit sechs Jahren in Rom. Ich vermisse die USA überhaupt nicht", so der 69-Jährige.

Ein körperlich Reisender ist Ralph Towner, der mit 22 erstmals eine Gitarre in der Hand hielt, schon immer gewesen. In den frühen 60er-Jahren vertiefte er an der Wiener Musikakademie bei Karl Scheit seine instrumentalen Kenntnisse. "Es war ein hochintensiver Crashkurs. Ich war damals gitarrenverrückt, habe mich in meinem Zimmer im 17. Bezirk, in dem ich um zwölf Dollar in Untermiete wohnte, eingeschlossen und zehn Stunden pro Tag geübt. Um auszugehen, fehlte mir das Geld. Zudem war Wien damals wie ein Canyon, in dem man sich verloren fühlte", erinnert sich Towner. Nicht ohne anzumerken, dass Scheit, der gestrenge Pädagoge, seinen weiteren Weg mit Interesse verfolgte und das erste Oregon-Konzert in Wien, Mitte der 70er, enthusiastisch kommentierte.

Oregon, das 1972 in New York gegründete Quartett mit Towner an der berühmten zwölfsaitigen Gitarre, Oboist Paul McCandless, Bassist Glen Moore und Sitar- und Tabla-Spieler Colin Walcott, markierte denn auch den Beginn der Reisetätigkeit im Kopf Ralph Towners - wurden hier doch klingende Traditionen aus aller Welt auf sinnliche Weise kurzgeschlossen. Als Vorläufer der heutigen Ethno-Musik-Welle, wie Oregon zuweilen tituliert wird, begreift er die Band freilich nicht: "Man darf nicht vergessen, dass wir überwiegend aus der klassischen Musik kamen. Unsere Motivation war, an ungewöhnlichen Instrumenten zusammen zu spielen", so Towner über den Vierer, der heute noch jährlich auf Tour geht.

Manche Orte haben ihrerseits Spuren in der Arbeit des Gitarristen hinterlassen: Auf der aktuellen Solo-CD Time Line, einer Art klingendem Selbstporträt, finden sich streng auskomponierte und frei improvisierte Stücke wie solche aus dem Repertoire von Pianist Bill Evans, der Towner einst für den Jazz begeisterte. Und mit Oleander Etude und The Lizards of Eraclea in Töne gesetzte sizilianische Naturbetrachtungen: Biografische Echos, die sich in der vom neapolitanischen Tanz inspirierten Komposition Tammuriata fortpflanzen, mit dem das pressfrische Werk From A Dream (Material Records/Lotus) anhebt.

Diese CD führte Towner mit zwei jüngeren Saitenmeistern, dem australischen Klassikgitarristen Slava Grigoryan und dem Judenburger Weltbürger Wolfgang Muthspiel, zusammen. Unter den Stücken, die den dreien als Startrampe für ihre verschlungenen kammermusikalisch-klassizistischen Trialoge dienen, findet sich mit Icarus auch ein Klassiker, der sich schon früh selbst einen Ort gesucht hat: Die Astronauten der Apollo-15-Mission nahmen 1971 Towners Musik mit an Bord. Der Name Icarus gereicht seither einem Mondkrater zur Ehre. (Andreas Felber/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 3. 2009)

2. 3. Wien, Konzerthaus; 3. 3. Linz, Posthof; 4. 3. Graz, Stefaniensaal; 5. 3. Salzburg, Oval

  • US-Gitarrist Ralph Towner, ein Reisender nicht nur im Kopf: In den 60er-Jahren studierte er an der Wiener Musikakademie.
    foto: joanne bell

    US-Gitarrist Ralph Towner, ein Reisender nicht nur im Kopf: In den 60er-Jahren studierte er an der Wiener Musikakademie.

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