"Gefahr einer großen Depression"

1. März 2009, 18:40
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Das "andere", kritische Kärnten fürchtet einen weiteren Rechtsruck im Bundesland

"Wir passen auf dein Kärnten auf - BZÖ" - die Botschaft, die das BZÖ in den letzten Tagen großflächig plakatiert hatte, war simpel und klar: Haiders „Erbe" sollte in seinem Sinne weitergeführt werde.

"Dein Kärnten" - das Kärnten der Orangen, das rechtsnationale Kärnten. Es gibt aber auch das andere Kärnten, das unter diesem Klima leidet und nur wenig Hoffung hat, dass das Land in den nächsten Jahren liberal durchlüftet wird. Klaus Ottomeyer, Leiter der Abteilung für Sozialpsychologie an der Uni Klagenfurt, ist ein Vertreter dieses „anderen Kärntens", einer aus der - wie er sagt - „Widerstandsszene". „Dieses unsägliche Plakat", sagt Ottomeyer, suggeriere, Haider, dem Feudalherrn, habe das Land gehört, und seine Söhne drohen jetzt „eine weitere Inbesitznahme von Kärnten" an.

Auch nach dem Tod Haiders werde sich lange Zeit klimatisch nur wenig ändern, sagt Ottomeyer, der selbst tagtäglich mit „Nestbeschmutzer"-Briefen attackiert wird und dem vom Landeshauptmann Gerhard Dörfler bereits die „Rückführung" nach Deutschland, woher er vor 26 Jahren kam, angeraten worden war. Ottomeyer: „Der Lernprozess wird sehr langsam ablaufen, bis sich die Leute eingestehen, worauf sie all die Jahre hereingefallen sind. Das trifft auch auf SPÖ und ÖVP zu, die unter anderem die Demontage des Rechtsstaates zugelassen haben."

Beschleunigt werden könnte dieser „schmerzhafte Prozess" durch heilsame Schocks von außen. Etwa, wenn „endlich" Ortstafelverrücker Gerhard Dörfler vor Gericht gestellt werde.
Wie Ottomeyer, so sieht auch der Verleger Loijze Wieser kaum Chancen auf eine Öffnung des Bundeslandes. „Es schaut nicht so aus", sagt Wieser, der zwar mit politischem Gegenwind, nie aber mit Landesunterstützung rechnen konnte - wie viele andere kritische, kulturelle Institutionen des Landes, denen Subventionen versagt bleiben.

Wieser fürchtet, das kritische Potenzial im Land werde in den nächsten Jahren noch stärker ausgehungert. Und es werden jene schon bisher agierenden „zynischen und menschenverachtenden Leute" das Ruder noch fester in die Hand nehmen und das Land noch stärker nach rechts führen.Wieser: „Die haben absolut keinen Genierer. Ich sehe die große Gefahr einer weiteren großen Depression."

Etwas positiver ist die Obfrau der Kulturinitiativen in Kärnten/Koroska (KiKK), Angelika Hödl, gestimmt. Sie hofft nun, dass die Kärntner Zivilgesellschaft wieder stärker wird. Vor Haiders Erben im BZÖ habe man keine Angst: „ Es gibt ein paar, die kläffen besonders laut, aber beim Zubeißen hapert's", meint Hödl, die glaubt, dass die „Lust am Widerstand" nach Haiders Tod „stärker sein wird als die Angst vor Repression".

Das sieht auch die frühere Vizerektorin der Klagenfurter Uni, Petra Hesse, so, die sich dem „Aktionskomitee für die Saualm-Flüchtlinge" angeschlossen hatte: „Das andere Kärnten, das waren ja eigentlich fast sechzig Prozent, die Haider nicht gewählt haben. Ich denke, dass viele von ihnen nicht mehr den Kopf hängen lassen, sondern jetzt Augen und Mund aufmachen." (red, DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2009)

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