Kärnten ist ein Ausnahmezustand

1. März 2009, 18:35
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Das Verständnis für einen Landeshauptmann Dörfler muss man sich erst erarbeiten

Es waren keine Denkzettelwahlen, da wie dort nicht, und der bundespolitische Einfluss war äußerst bescheiden. So viel hatten Werner Faymann und Josef Pröll in Wien auch noch nicht falsch gemacht, als dass der 1. März in Kärnten und Salzburg zum Tag der Abrechnung über die große Koalition geraten hätte können. Es waren Landeswahlen, und bis auf kurze Stippvisiten ließen sich die Parteichefs aus Wien im Wahlkampf auch nicht blicken. Das erschien weder notwendig noch hilfreich.

Kärnten ist und bleibt ein Sonderfall, in jeder Hinsicht. Das einzige Land, in dem das BZÖ eine nennenswerte Kraft darstellt und sogar den Landeshauptmann stellt. Wie seltsam Kärnten ist, wurde auch diesen Sonntag wieder manifest. Das BZÖ, dessen Proponenten auftraten, als gehöre ihnen Kärnten wie eine Erbpacht, konnte seine Führungsposition sogar noch ausbauen. Gewählt wurde viereinhalb Monate nach dem Unfalltod von Jörg Haider, der für viele Kärntner offenbar eine identitätsstiftende Führerfigur war, auch über die Grenzen von BZÖ und FPÖ hinaus. Als sein Nachfolger war überraschend Gerhard Dörfler in das Amt gestoßen worden, und man darf aus ferner Sicht sagen: eine Witzfigur. Der Mann erzählt gerne Witze, schlechte und geschmacklose. Die Kärntner scheint es nicht zu stören. Schlimmer noch: Gefällt ihnen das? Was außerhalb von Kärnten eigentlich nicht vorstellbar ist: Zur Illustration seines „Negerwitzes”, den er anlässlich eines Auftritts des Entertainers Roberto Blanco (wer ihn nicht kennt: ein Schwarzer) zum Besten gab, saugte Dörfler ein paar Tage später an der Brust eines als „Negermama” verkleideten Spaßvogels.

Bei allem Verständnis für Fasching, Spaß und Kärnten: Ein Politiker, von dem Fotos in derartiger Pose kursieren, wäre in keinem anderen Bundesland als Landeshauptmann tragbar. Auch die seltsamen Rechtsansichten ihres Landeshauptmannes, der Asylwerber nach persönlichem Gutdünken abstrafen will, wenn sie ihm verdächtig vorkommen, hätten in einem anderen Bundesland zumindest für Diskussionen gesorgt.

In Kärnten konnte das BZÖ, verglichen mit Jörg Haiders Ergebnis von 42,2 Prozent als FPÖ im Jahr 2004, ihr Ergebnis aber halten – und zulegen. Trotz Dörfler. Und das kann man den Kärntnern durchaus vorhalten.

Mit diesem Ergebnis ist Dörfler als Landeshauptmann abgesichert, das mag auch manche Parteifreunde irritieren, die schon die Nachfolge untereinander ausgemacht hatten. So laut und polternd die Kärntner ihrem Wahlergebnis entgegengeschlittert sind, so ruhig und nahezu entspannt wurde Gabi Burgstaller in Salzburg als Landeshauptfrau bestätigt. Dass das tolle Ergebnis von 2004 mit 45 Prozent nicht zu halten sein würde, war klar, dennoch fuhr sie ein klares Ergebnis ein. In fünf Jahren war es ihr gelungen, in einem tendenziell eher konservativen Bundesland eine Marke Gabi, die Verlässlichkeit suggeriert, zu etablieren. Burgstaller tat dies immer mit größtmöglicher Emanzipation von Wien, das wird sie weiter so halten.

Für Faymann und Pröll heißt das aktuelle Ergebnis vom Sonntag: Sie müssen auch weiterhin mit dem BZÖ rechnen, und Heinz-Christian Strache ist kein Wunderwuzzi. Das wird Wiens Bürgermeister Michael Häupl freuen. Über spannendere Spitzenkandidaten (mit Ausnahme Burgstallers) sollten aber sowohl Faymann als auch Pröll dringend nachdenken.

Mit Kärnten als politischem Ausnahmezustand wird Rest-Österreich leben lernen müssen. Übung mit diesem Zustand ist dank Jörg Haider jedenfalls bereits vorhanden. Das Verständnis für seine politischen Nachfolger wird man sich erst zu erarbeiten haben, und das immer wieder neu. (Michael Völker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.3.2009)

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