"Der Vorleser": Bildung in der Badewanne

1. März 2009, 18:36
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Kate Winslet in Stephen Daldrys windschiefem Drama "Der Vorleser" – jetzt im Kino

Wien - Erinnerungen kommen im Kino oft durch offene Fenster: Aus dem Berlin des Jahres 1995 wird man gemeinsam mit einem vergrämten Mann zurückversetzt in die westdeutsche Provinz der späten 50er-Jahre. Damals ging der Mann noch zur Schule und machte, gerade einmal 15 Jahre alt, eines Tages die Bekanntschaft einer 36-jährigen Straßenbahnschaffnerin.

Zwischen Michael (David Kross) und Hanna (Kate Winslet) entsteht bald eine Tauschbeziehung: Der Gymnasiast darf mit ihr Liebe machen, dafür muss er ihr jene klassische Literatur vorlesen, die er im Unterricht gerade durchnimmt. Eines Tages ist das Idyll abrupt zu Ende, Hanna ist verschwunden, und erst ein paar Jahre später, Michael ist inzwischen Student, hört er ihre Stimme wieder: in einem Gerichtssaal, in dem gegen ehemalige Aufseherinnen eines Konzentrationslagers prozessiert wird.

Auch Hanna sitzt auf der Anklagebank. Michael wird erst jetzt, im Lauf des Prozesses, langsam klar, dass seine ehemalige Geliebte Analphabetin ist. Sie jedoch trachtet immer noch danach, diesen Makel um jeden Preis zu verbergen.

Der deutsche Jurist und Krimiautor Bernhard Schlink, selbst 1944 geboren, veröffentlichte Der Vorleser 1995. Die englische Übersetzung des Romans erschien 1997, sie wurde von der US-Talkmasterin und einflussreichen Buchklubvorsitzenden Oprah Winfrey wärmstens empfohlen und schaffte es als erstes deutsches Buch an die Spitze der New York Times Buchbestenliste.

Unabhängig davon fand nicht nur Manohla Dargis, die Filmkritikerin derselben Zeitung, vergangenen Dezember kaum Gutes über die Leinwandversion des Bestsellers zu sagen. Der Vorleser, eine deutsch-amerikanische Koproduktion, inszeniert von Stephen Daldry (The Hours), ist schließlich auch ein windschiefer Film. Das hat viele Gründe. Eher unfreiwillig komisch sind da noch die Kunstsprachbarrieren zwischen dem Star Kate Winslet und dem mehrheitlich deutschen Ensemble, dem neben David Kross auch Susanne Lothar, Margarita Broich, Alexandra Maria Lara, Burghard Klaußner oder Bruno Ganz - teils in Statistenrollen - angehören.

Angestrengter Gestus

Winslet hinterlässt zweifellos den stärksten Eindruck, aber Der Vorleser ist bei weitem nicht der stärkste Film der frisch Oscar-prämierten Britin. Hannas eckige Bewegungen, ihr Befehlston, ihre mühsam verborgene Gehetztheit oder ihre Tränen - alles wirkt immer eine Spur angestrengt (die ursprünglich als Hanna vorgesehene Nicole Kidman will man sich allerdings erst gar nicht vorstellen).

Am schwersten wiegt jedoch die platte Symbolik des Films: der Verlust der Unschuld, nach dem Holocaust; all die Reinigungsrituale: Michael muss kotzen, Hanna wischt es weg - später wird sie den Verschwitzten, Kohleverschmierten in ihre frei stehende, behagliche Badewanne bitten. Hanna verschuldet nicht nur den Tod vieler jüdischer Frauen und Kinder. Auch der deutsche Mann ist ihretwegen dauerhaft beziehungsunfähig und tut sich den ganzen Film über selber leid. Seine von ihm vernachlässigte Tochter wird ihm am Ende großherzig verzeihen.

Der Allgemeinplatz, auf den der Film letztlich hinaus will, ist jener, wonach lesen bildet. Das mag wohl richtig sein. Aber der Weg, den Der Vorleser zu dieser Erkenntnis nimmt, der ist der falsche. (Isabella Reicher/DER STANDARD, Printausgabe, 2. 3. 2009)

  • Oscar-prämiert: Kate Winslet in "Der Vorleser".
    foto: senator

    Oscar-prämiert: Kate Winslet in "Der Vorleser".

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