Gedenken beschränkt sich auf Andreas Hofer

1. März 2009, 18:28
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Der Freiheitskämpfer als einziger Identitätsstifter

Innsbruck - Eine „Verbeugung vor den Ewiggestrigen" sei das Mittragen der Dornenkrone als Symbol für die Teilung Tirols nach dem Ersten Weltkrieg schon beim 175-Jahr-Jubiläum, 1984, gewesen, erklärt Rolf Steininger, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck. Die Dornenkrone auch im Gedenkjahr 2009 beim Festumzug durch Innsbruck zu tragen gehe aber zu weit. „Es braucht etwas, das in die Zukunft weist", sagt der Professor.

Außerdem habe sich die Teilung von Nord- und Südtirol zum Positiven entwickelt. Eine Grenze gebe es durch die EU ohnehin nicht mehr, auch die gemeinsame Währung verbinde, und den Menschen gehe es „da wie dort" gut.

Dennoch bestanden die Südtiroler Schützen bereits in der Vorbereitungsphase zum länderübergreifenden Gedenkjahr darauf, das Symbol für die „Zerreißung des Landes" beim Festumzug der Traditionsverbände am 20. September 2009 durch Innsbruck zu tragen.
Tiroler und Südtiroler Landesregierung sprachen sich prompt dagegen aus. Die Dornenkrone sei nicht mehr zeitgemäß.

Also wurde ein Ideenwettbewerb ausgerufen: Die neue Skulptur solle ein sichtbares Zeichen für die Bewältigung der schmerzhaften Vergangenheit, aber auch ein klares Signal für eine gemeinsame Zukunft für alle Tiroler in einem friedlichen Europa sein. Zum Siegerprojekt wurde die blühende Dornenkrone der Künstlerin Margit Klammer. Aus dem umstrittenen sei ein neues Symbol geschaffen worden, meinte die Jury.

Diese Krone soll auch beim Festumzug im September - offenbar zur Versöhnung mit den Südtiroler Schützen - mitgeführt werden. Vollkommen neu erstellt wird sie nicht, es soll die Dornenkrone aus dem Jahre 1959, die in Erl steht, adaptiert werden. Es sei gut, die Vergangenheit zu kennen, betont der Historiker Steininger. Trotzdem solle sie nicht alleine in den Mittelpunkt des Gedenkens gestellt werden.

Heldenmythos Andreas Hofer

Trotz breitem Motto des Gedenkjahres, „Geschichte trifft Zukunft", werde die Tiroler Vergangenheit „eindimensional" abgehandelt. Die rund 90 Veranstaltungen, die bisher bekannt sind, handeln meist in irgendeiner Form vom Tiroler Volkshelden Andreas Hofer, der 1809 in vier Schlachten am Bergisel die Franzosen und Bayern in die Flucht zu schlagen versuchte. Die Tiroler Vergangenheit bestehe allerdings nicht nur aus Hofers Freiheitskampf. Steininger wünscht sich etwa die Darstellung der Tiroler Geschichte während der Februarkämpfe 1934. „Es handelt sich um eine sehr selektive Wahrnehmung der Geschichte", sagt Zeithistoriker Steininger.

Eine Wahrnehmung, die offenbar auch kaum interessiert. „Mit dem Begriff Heimat holt man keinen Menschen mehr hinter dem Ofen hervor", konstatiert Gabriele Neumann. Sie versucht mit ihrem Projekt „syndrome 09" das Gedenkjahr für die Internetgeneration aufzubereiten. Noch lassen die Zugriffszahlen auf sich warten: Gerade einmal 2000 Teilnehmer klickten sich bisher durch die Seiten von www.syndrome09.net.

Gründlich daneben gegangen ist auch die Dramaturgie für die Übersiedlung des Riesenrundgemäldes mit der Hofer-Schlacht von der alten Rotunde im Saggen ins neue Museum am historischen Bergisel. Landtags- und Nationalratswahl, Bescheide pro und kontra Übersiedlung des Rundgemäldes führten zu einer Verzögerung des Bauvorhabens. Die Bagger mussten warten, bis der positive Bescheid Anfang 2009 am Tisch lag. Vor 2010 wird es keine Museumseröffnung geben.

Rechter Aufmarsch

Pünktlich zum Gedenkjahr 2009 haben auch schlagende Burschenschaften einen Festkommers in Innsbruck geplant. Vom 19. bis zum 21. Juni soll der „nationale Aufmarsch" über die Bühne gehen. Den Ehrenschutz hat Nationalratspräsident Martin Graf übernommen. Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) rechnet mit bis zu 1000 Teilnehmern.

Während der ehemalige Landeshauptmann Herwig van Staa beim Kommers 1994 noch teilgenommen hatte, schloss Günther Platter eine Teilnahme aus. Platters Absage ist für den Rechtsextremismusforscher der Uni Innsbruck, Reinhold Gärtner, „immerhin schon etwas". Grundsätzlich wünscht aber auch er sich, wie Historiker Steininger, einen breiteren Zugang zur Tiroler Geschichte, etwa Untersuchungen zur Situation der Juden in Tirol im geschichtsträchtigen Jahr 1809. (Verena Langegger, DER STANDARD, Printausgabe, 2.3.2009)

  • Die Dornenkrone als Symbol für die Teilung Tirols war 1984 dabei. Ganz
ohne christliche Symbolik geht es offenbar auch im 21. Jahrhundert
nicht. Für das Gedenkjahr 2009 wird sie leicht adaptiert.
    foto: tt

    Die Dornenkrone als Symbol für die Teilung Tirols war 1984 dabei. Ganz ohne christliche Symbolik geht es offenbar auch im 21. Jahrhundert nicht. Für das Gedenkjahr 2009 wird sie leicht adaptiert.

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