"Wir wollten nie Einzelpersonen sofort einsperren"

1. März 2009, 11:21
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Mit echten Fans lasse sich auch in Zukunft Geld verdienen, glaubt Pirate-Bay-Mitbegründer Magnus Eriksson

"Ich glaube, dass eine technische Revolution hinter uns liegt, die vergleichbar mit der Eiszeit ist", sagt Gerfried Stocker, seines Zeichens künstlerischer Leiter der Linzer "Ars Electronica": "Und so wie viele große Lebewesen durch die Eiszeit ausgestorben sind, so geht es uns auch heute. Was wir im Moment erleben, ist der letzte Kampf der Dinosaurier." Die Musik- und Filmindustrie habe immer noch nicht verstanden, welche Folgen die Digitalisierung für ihre eigene Geschäftsgrundlage habe, und versuche mit Gewalt, das Rad der Zeit zurückzudrehen.

"Wollten nie Einzelpersonen einsperren"

Bei einer Podiumsdiskussion über illegale Downloads Ende Februar beim Internationalen Rechtsinformatik-Symposion an der Uni Salzburg konnte Stocker seine Kritik gleich direkt an einen Vertreter dieser vom Aussterben bedrohten Spezies richten. Ferdinand Morawetz, Managing Director von Walt Disney Studios Motion Pictures Austria und Präsident des Vereins für Anti-Piraterie, konnte sich mit Stockers Thesen nicht anfreunden: "Wir wollten nie Einzelpersonen sofort einsperren, sondern die bestrafen, die das Stehlen beruflich betreiben und damit sehr viel Geld verdienen."

Millionenverlust durch "Piraterie"

Das sei etwa die "Chinesenmafia", die am Naschmarkt stehe und tausende illegal kopierte DVDs verkaufe. Der Schaden entstehe keineswegs nur großen internationalen Konzernen wie Walt Disney: Auch der Produzent des oscarprämierten österreichischen Films "Die Fälscher" habe durch "Piraterie" eine Million Euro verloren. "Die Leute, die illegal Filme ins Netz setzen, sind Verbrecher", sagt Morawetz. Er frage sich, wo die Studios in Zukunft 100 Millionen Euro für eine große Filmproduktion herbekommen sollen.

Andere Einkommensquellen gesucht

Mit Filmen oder Musik allein lasse sich in Zukunft ohnehin nicht mehr Geld verdienen, glaubt der Schwede Magnus Eriksson, einer der Mitbegründer von The Pirate Bay, dem weltgrößten BitTorrent-Tracker, der im Internet zwischen Anbietern und Nachfragern von Dateien aller Art vermittelt. "Geld verdienen wird man in Zukunft wahrscheinlich über andere Kanäle wie Livekonzerte, Merchandising und diese Dinge", sagt Eriksson.

"Mehr als nur eine digitale Datei"

"Ein Download ist meistens der erste Kontakt zwischen einem Konsumenten und einem Künstler", sagt Eriksson - und wenn das Produkt gut sei, "dann wollen die Menschen auch mehr als nur eine digitale Datei". Künstler müssten sich auf eine Basis aus echten Fans verlassen können; auf schnelllebigen Musikmoden lasse sich ohnehin keine nachhaltige Musikindustrie aufbauen.

Zwei Leistungen, eine bezahlt

Der DJ und Labelbetreiber Karl Moestl steht den Änderungen durch immer größere Bandbreiten und Speicherkapazitäten zwiespältig gegenüber: "Ich bin in erster Linie Künstler und bin froh, wenn ich Feedback kriege. Youtube oder Myspace helfen mir auch, Promotion zu machen. Mehr Bekanntheit heißt mehr legale Downloads und mehr Konzertbesucher." Das Problem: Er sei zu "zwei Leistungen" gezwungen, von denen er "nur eine bezahlt bekomme".

CDs sind "uninteressant geworden"

Er werde in Zukunft keine CDs mehr produzieren, kündigte Moestl an: "Das rechnet sich leider nicht mehr. CDs sind für das junge Publikum im populären Bereich uninteressant geworden." Vom Musikmachen als Beruf zu leben, werde dadurch immer schwerer. Einen Teil seines Geldes verdient Moestl mittlerweile als Musik- und Soundberater für die Werbeindustrie.

Stocker für "Kultur-Flatrate"

Ein möglicher Ausweg aus dieser Krise wäre für Gerfried Stocker das Modell einer "Kultur-Flatrate": Aus einem großen, öffentlichen Topf sollten Musik- und Filmschaffende je nach ihrer Beliebtheit bei den Downloads einen Anteil erhalten. Zur Finanzierung könne man etwa die Geräteindustrie heranziehen, sagt Stocker - immerhin gehe der Löwenanteil des Unterhaltungs- und Kulturbudgets der Menschen mittlerweile in die Unterhaltungselektronik-Hardware.

Morawetz: Filme legal downloaden

Dass selbst Dinosaurier manchmal lernfähig sind, möchte Ferdinand Morawetz beweisen: Wenn es nach ihm gehe, solle die Filmindustrie nicht den gleichen Fehler machen wie davor die Musikindustrie, die einfach zu lange damit zugewartet habe, legale Downloads zu ermöglichen. Filme sollten kostenpflichtig ins Netz gestellt werden, sagt Morawetz, "zu einem Preis, den sich jeder leisten kann - und vielleicht ein bisschen zeitversetzt". (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 1. März 2009)

  • "Captain Jack Sparrow"- ein  Filmpirat, mit dem Disney keine Probleme hat

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  • "Dinosaurier" Ferdinand Morawetz vom Verein für Anti-Piraterie plädiert für legale Downloads.

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  • DJ und Labelbetreiber Karl Moestl hat aufgehört, CDs zu produzieren: "Das rechnet sich leider nicht mehr."

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