Schritt halten an der Themse

28. Februar 2009, 12:33
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Die großen englischen Modehäuser zeigen schon lange nicht mehr auf der Londoner Modewoche - Hier dominieren die jungen Designer die Laufstege

Marios Schwab und Peter Pilotto waren diese Saison besonders gut. Britta Burger aus London

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Londons Designer setzen bei ihren Kollektionen für den kommenden Herbst und Winter auf Konzepte. Der Markt für leere Textilhüllen mit netter Optik scheint dank unzähliger Billigketten gesättigt. Designermode muss sich wieder durch besondere Liebhaberstücke auszeichnen, hinter denen mehr steckt als ein Auge für kommerziellen Erfolg. Das ist eine positive Folge der derzeitigen Krise. Die jüngere Generation, die bei der London Fashion Week von jeher gefördert wird, schneidet dabei besser ab als Designveteranen und britische Traditionshäuser. Letztere zeigen ihre Kollektionen meist gar nicht auf den Laufstegen von London.

Ein Meister der Konzepte, dessen Inspirationen von Anatomie bis zur Psychoanalyse reichen, ist Marios Schwab. Der 31-jährige Gräko-Österreicher spricht gerne von seiner Faszination für die Anatomie des weiblichen Körpers und vom Offenlegen verborgener Schichten, wenn er seine Avantgardeästhetik und deren sexuellen Subtext beschreibt.

Glaskristallkrusten und Organzakreationen

Eine Metapher dafür fand Schwab diesmal in der natürlichen Expansion von Mineralien, in der Art, wie sich dadurch Risse in der Oberflächenstruktur ergeben, die Einblicke in tiefer liegende Welten entstehen lassen. Schwab machte es sich nicht leicht und zeigte Couture-ähnliche Outfits, die aufgeschlitzt waren und glitzernde Glaskristallkrusten zum Vorschein brachten. Zwei Kleider in ganz unterschiedlichen Größen trafen sich nur an der Taille und verschmolzen zu einer einzigen vielschichtigen Organzakreation. Dazu kamen minutiös handbemalte Swarovskikristalle und komplizierte Schnitte.

Mit seiner großartigen Kollektion stach Schwab aus dem Reigen jener Designer hervor, die dem Sparzwang der Kunden mit schlichten Kleidern oder einem Recycling alter Ideen begegneten. Peter Pilotto gehört nicht dazu.

Der Tiroler setzte gemeinsam mit Designpartner Christopher De Vos auf einen optimistischen Neubeginn in Form einer Urknall-inspirierten Kollektion. Leuchtend bunte Farben und lebhafte Drucke erinnerten an Vulkanausbrüche, glühende Lava und chaotische Urlandschaften. Perlenstickereien in metallischen Schattierungen verliehen Pilottos drapierten Minikleidern einen kriegerisch-amazonenhaften Touch. Was aggressiv klingt, ist bei Pilotto aber immer auch sehr tragbar, wie ein Blick ins Publikum bestätigte. Peter Pilotto zählt nämlich nicht nur R&B-Star Rihanna und eine ganze Reihe englischer Models und Filmsternchen zu seinen Fans. Er hat offensichtlich auch auffallend viele Modeindustrie-Insider von seinem Mustermix überzeugt.

Prostituierten-Chic

Neben Schwab und Pilotto gehört der erst 26-jährige Schotte Christopher Kane zu der jungen Garde aufstrebender Talente aus London. Er schafft es immer wieder, mit neuen Ideen zu verblüffen und gleichzeitig die Identität seines jungen Labels zu bewahren. In der Vergangenheit machte er mit Prostituierten-Chic und Dinosaurierschuhen auf sich aufmerksam. Heuer gab er sich dagegen beinahe zivilisiert. Er zeigte Organzakleider in einer großteils monochromen Farbpalette. Samtbänder strukturierten die Kleider. Seine bis dato beste Kollektion.

Genauso erfolgreich präsentierte sich Ann Sofie Back. Sie ist der Liebling jener Modeskeptiker, die sich nur im Schutzmantel ironischer Distanz für das eine oder andere Outfit begeistern können. Backs Spiel mit Horrorfilmstereotypen aus 'Poltergeist' oder 'Carrie', zog diesmal aber Vertreter aller Modefraktionen in ihren Bann. Teenager-Models mit weißen Kontaktlinsen trugen animalischen Federschmuck, zerfetzte Jeans und zerrissenen Samt. Am Ende dann eine dicke Portion Ironie, als die Models zu 'Ghostbusters' in voller Lautstärke ihre Finalrunde drehten.

Hoffentlich konnte sie damit die Einkäufer überzeugen. Nicht nur sie geben sich in dieser Saison sehr zurückhaltend. Wegen des Sparzwangs haben viele Designer ihre Modeschauen abgespeckt oder ganz abgesagt. Eine Ausnahme ist Paul Smith. Seine Umsätze sind im Jänner gehörig gestiegen.

British with a Twist

Sir Paul Smith wartete zunächst mit seinen üblichen "British with a Twist"-Referenzen auf, schickte dann aber doch eine überzeugend dekadente Mischung aus militärischer Strenge und perlenbehangener Eitelkeit auf den Catwalk.

Im Unterschied dazu begnügte sich Vivienne Westwood damit, sich selbst zu zitieren. Die Laufsteg-Rebellinnen in viel rotem Schottenkaro hatten aber sichtlich Spaß, und die illustre erste Reihe freuten sich über die Show fast genauso wie auf die anschließende After Party. So selbstverständlich ist das in Zeiten wie diesen nicht mehr, dass es eine solche gibt. (Britta Burger/Der Standard/Printausgabe/28.2./1.3.2009)


 Oben Mode von Eley Kishimoto, rechts von P. Pilotto, C. Kane und M. Schwab (v. li.). Foto: EPA

 

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    Missgeschicke auf dem Laufsteg dürfen sich derzeit nur Models leisten. Greift ein Designer daneben, könnte das das Ende der Karriere bedeuten.

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    Peter Pilotto

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    Marios Schwab

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    Christopher Kane

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