Die Welt als Pflegehierarchie

27. Februar 2009, 19:10
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Was wäre, wenn plötzlich alle im Haushalt tätigen Arbeitsmigrantinnen verschwänden?

In der westlichen Welt haben sich Frauen in den vergangenen Jahrzehnten Zugang zu Bildung und Arbeitswelt erobert. Sie haben den Wandel ihres Rollenbildes rascher vollzogen als Männer. Gewiss: Auch die Männer haben sich verändert. Verglichen mit ihren Vätern oder Großvätern, kümmern sich Männer der jüngeren Generation viel mehr um die Erziehung ihrer Kinder. Aber: Das Ausmaß dieser Veränderung ist bescheiden, außer vielleicht in den skandinavischen Staaten.

Der Großteil der Verantwortung für die Kindererziehung bleibt bei den Frauen. Noch geringer ist die Bereitschaft der Männer, an der Hausarbeit mitzuwirken. Sieht man von ein paar heldenhaften Ausnahmen ab, stehen Routinearbeiten wie Leintuchwechsel oder Wäschewaschen nicht auf der männlichen Agenda. Hier tut sich eine Kluft zwischen den Geschlechtern auf, oder, wie es die US-Soziologin Arlie Hochschild formuliert, "die Revolution ist auf halbem Weg steckengeblieben".

Weil sie nur wenig Unterstützung von ihren Partnern bekommen, müssen Frauen, die Job und Mutterschaft verbinden wollen, einen hohen Preis zahlen: wenig Schlaf, ständiger Stress, kaum Freizeit. Als Überlebensstrategie bleibt ihnen nur, einen Teil der Hausarbeit zu delegieren - an alle möglichen verfügbaren Helferinnen, Großmütter, Nachbarinnen - in den vergangenen Jahren aber auch vermehrt an Migrantinnen.

Wenn von Migrantinnen als Haushaltshilfen die Rede ist, betrifft das Frauen aus aller Welt: Mexikanerinnen, die in Kalifornien als Kindermädchen arbeiten, Polinnen, die in deutschen Haushalten putzen und waschen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeitsraten in ihren Herkunftsländern haben sich diese Frauen entschlossen, Arbeit in reicheren Regionen der Welt zu suchen. Die meisten westlichen Staaten haben die Zuwanderung zwar drastisch eingeschränkt, doch trotz der offiziellen Beschränkungen lassen sich die Frauen aus armen Länden, die verzweifelt nach Arbeit suchen, nicht so leicht abschütteln und suchen nach Umwegen und Hintertüren, um doch noch an einen Job im Westen zu kommen.

Auf dieser Ebene treffen sich die Bedürfnisse zweier vollkommen unterschiedlicher Gruppen: Der Frauen der Ersten Welt, die einen Teil ihrer Hausarbeit, Kinderbetreuung und Altenpflege abgeben, und der Frauen aus der Zweiten und Dritten Welt, die dadurch eine Chance bekommen, Geld zu verdienen. Die logische Antwort der Marktwirtschaft: Job-Angebote, die diese Kluft überbrücken. So gesehen, eine perfekte Lösung, Angebot und Nachfrage decken sich.

Bei näherem Hinsehen aber weist diese Lösung gewaltige Makel auf. Denn sie basiert auf einem markanten Ungleichgewicht der Risiken und Profite zwischen den Parteien. Ganz offenkundig tragen die Arbeitsmigrantinnen den größten Teil des Risikos. Sie sind einer halblegalen Schattenwirtschaft ausgeliefert. Ohne Visa, Arbeitsgenehmigung und Bleiberecht ist ihre Position schwach und angreifbar. In den meisten Ländern haben diese Frauen keinen Anspruch auf Leistungen des staatlichen Gesundheitswesens, Arbeitslosenunterstützung und Pensionsversorgung. Sie können ausgebeutet und jederzeit gekündigt werden. Ihre politischen Rechte sind bedeutend eingeschränkt. Klaus J. Bade, deutscher Experte für Migration, kennzeichnet all jene, die in der Schattenwirtschaft tätig sind, mit drei Worten: "fleißig, billig, illegal."

Genau das ist ja auch der Grund, warum Migrantinnen angeheuert werden: Weil sie effizient und billig sind. Auf den ersten Blick sind es die Frauen mittleren Alters in der Ersten Welt, die von diesen Verhältnissen profitieren; aber ihre männlichen Partner ziehen ebenfalls erheblichen Vorteil daraus. Mehr noch als die Frauen erkaufen sich Männer so die Freiheit, ihren Zielen und Geschäften nachzugehen zu können - ohne von lästigen Pflichten behelligt zu sein.

Stillschweigeabkommen

In vielen Mittelschichtfamilien wissen Männer und Frauen, dass Gender-Angelegenheiten ein heikles Terrain sind. Viele Paare haben sich auf ein spezielles Konfliktmanagement verständigt und eine Art Stillschweigeabkommen geschlossen: Wenn die Frauen dafür sorgen, dass der Haushalt funktioniert, sind die Männer einverstanden, dass sie sich in den Arbeitsmarkt einklinken und eine eigene Karriere verfolgen. Und umgekehrt: Wenn die Männer den Frauen eine eigene Karriere zugestehen, erklären die Frauen sich ihrerseits bereit, so gut wie möglich für funktionierende Familienverhältnisse zu sorgen - das aber auf dem Wege des Outsourcens von Haushaltsarbeit, nicht durch das ständige Einfordern männlicher Beteiligung.

Was wäre, wenn plötzlich alle im Haushalt tätigen Arbeitsmigrantinnen verschwänden? Was wäre, wenn sie das tun, was die offizielle Politik ohnehin von ihnen erwartet, nämlich in ihre Herkunftsländer zurückzukehren? In einem solchen Notfall würden sich Frauen nicht mehr an das Stillschweigeabkommen halten, sondern lautstark Mithilfe einfordern.

Arbeitsmigrantinnen tragen als stabilisierender Faktor wesentlich zum prekären Frieden im Geschlechterkampf bei. Spätestens an diesem Punkt aber stellt sich die Frage: Was ist mit ihren Familien? Was geschieht mit den Kindern, Partnern und Eltern der Arbeitsmigrantinnen? Diese Fragen ignorieren wir hier im reichen Westen gerne. Die meisten Frauen, die im Ausland arbeiten, haben Familien in ihrer Heimat. Sie haben Eltern, Partner, Kinder zurückgelassen, um im Ausland Geld zu verdienen. Oft tun sie das aus einem Gefühl der Verantwortung gegenüber ihren Kindern heraus: Weil sie wollen, dass es ihre Töchter und Söhne einmal besser haben als sie selbst, akzeptieren sie lange Trennungen und das Schicksal, einsame Leben in der Fremde leben zu müssen.

In früheren Zeiten war es ein Liebesbeweis, dass man zusammenblieb, egal was geschah. Heute - in einer globalisierten Welt - scheint das Gegenteil zu gelten. Die neue Norm besagt: Wenn du deine Familie liebst, musst du sie verlassen. Du musst in die weite Welt ziehen, dorthin, wo du zu Geld kommen kannst, denn das ist der einzige Weg, deine Familie aus dem Elend und der Verzweiflung daheim herauszuholen.

Wie werden nun die Kinder der Arbeitsemigrantinnen versorgt? Aktuelle Studien ergeben, dass gerade eine neue Arbeitsteilung entsteht. Migrantinnen sind wiederum auf die Hilfe anderer Frauen in ihrem Heimatland angewiesen, auf jene der Großmütter, Schwägerinnen oder Nachbarinnen. Ihnen schicken sie Geld und Geschenke in der Hoffnung, eine Art Verantwortungsgefühl bei den Empfängern zu fördern und sie dazu zu bewegen, nach ihren Kindern zu schauen und sich um deren Wohlergehen zu kümmern.

So werden neue Muster von Mutterschaft geschaffen, die in Studien unter dem Begriff "grenzüberschreitende Mutterschaft" aufscheinen. Diese Strukturen laufen auf sogenannte "globale Pflege-ketten" hinaus, die sich auf komplexe Netzwerke stützen und über ganze Länder und Kontinente hin erstrecken. Grenzüberschreitende Pflegeketten bilden sich zum Beispiel entlang der Migrationslinie zwischen Ost- und Westeuropa: Frauen aus Polen gehen nach Deutschland und putzen dort die Häuser von Mittelschichtfamilien, während gleichzeitig Frauen aus der Ukraine nach Polen gehen und dort den Haushalt und die Familie polnischer Frauen versorgen, die in Deutschland arbeiten.

Wenn sich diese Pflegeketten in alle Richtungen ausbreiten und über Grenzen und Ozeane hinweg die entlegensten Orte verbinden, folgt dieser Prozess einem klar erkennbaren Muster, das in der sozialen Ungleichheit wurzelt. Noch einmal die US-Soziologin Arlie Hochschild: "Mutterschaft wird in der Hierarchie der Länder, Ethnien, Rassen nach unten weitergegeben." Die Globalisierung kreiert eine globale Hierarchie des Delegierens. Die Arbeit der Pflege, des Putzens und des Kochens wird weitergereicht entlang einer Fluchtlinie der Nationalität, Hautfarbe, ethnischen Zugehörigkeit.

Es sind vor allem Kinder, Alte und Kranke, welche die Konsequenzen zu tragen haben. Mit jedem Schritt nach unten auf der Rangleiter verringern sich die Chancen auf angemessene Versorgung. Empirische Studien belegen, dass diejenigen draufzahlen, die am untersten Ende der Hierarchie stehen: die Kinder der Migrantinnen. Großmütter, Tanten, ältere Schwestern sind oft mit zahlreichen Verpflichtungen überfordert. Selbst wenn sie ihr Bestes geben, sind die ihnen anvertrauten Kinder oft sich selbst überlassen. Von den Vätern ist kaum Hilfe zu erwarten. Einige setzen sich gleich ganz von ihren Familien und familiären Pflichten ab. Jene, die bleiben, tun sich schwer mit dem Rollenwechsel. Die schicksalhafte Verkehrung der Verhältnisse, die mit sich gebracht hat, dass die Frauen im Ausland arbeiten und den Lebensunterhalt bestreiten, nehmen sie als Bedrohung ihrer männlichen Identität wahr. Sie sind kaum in der Lage, emotionale Unterstützung und Schutz zu gewährleisten.

Die Folge: Die Kinder fühlen sich alleingelassen und sehnen sich nach ihren Müttern. Die Familien in ärmeren Ländern erfahren eine starke Destabilisierung. Ihnen fehlen nicht mehr nur die materiellen, sondern auch wichtige menschliche Ressourcen: die Frauen. (Elisabeth Beck-Gernsheim, DER STANDARD, Print, 28.2./1.3.2008)

Übersetzung aus dem Englischen: Elisabeth Loibl

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    Was wäre, wenn plötzlich alle im Haushalt tätigen Arbeitsmigrantinnen verschwänden? Wenn sie das täten, was die offizielle Politik ohnehin von ihnen erwartet, nämlich in ihre Herkunftsländer zurückzukehren?

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